Zeugnistag und Herzenssachen

Zuletzt aktualisiert am 20. Juni 2024

Pfarrerin Lina Kohring

„Ich hab DICH lieb, nicht dein Zeugnis!“ – Gott legt mir freudestrahlend ein Postkarte mit diesem Aufdruck auf meine Laptoptastatur. „Nur damit du es weißt!“ – sagt er und stupst mich leicht an der Schulter an.

Ich lächele beseelt vor mich hin, als mir auffällt, dass ich doch überhaupt kein Zeugnis bekommen habe. Klar habe ich am Freitag das eine Kind gesehen, wie es voller Stolz mit der Zeugnismappe im Arm nach Hause gerannt ist. Natürlich habe ich auch das andere Kind gesehen, das ganz eindeutig einen Umweg nach Hause gemacht hat, mit dem Zeugnis ganz tief in der Schultasche vergraben. Selbstverständlich habe ich auch noch meine eigenen Zeugnistage vor Augen. Die Aufregung im Bauch, obwohl die Noten doch schon lange feststanden.

Aber das ist alles lange her. Nun sitze ich hier über meiner Arbeit und bekomme Mails, Anfragen oder Rückmeldungen – aber doch kein Zeugnis.

Ich blicke Gott an, der mit übereinander geschlagenen Beinen am Besprechungstisch in der Ecke sitzt und grinst als hätte er mich längst durchschaut. „Und trotzdem wirst du jeden Tag beurteilt.“ – sagt er, während er langsam aufsteht. „Deine Arbeit wird von anderen bewertet. Das, was du zu Hause machst, wird anerkannt – oder eben auch nicht. Dein Sozialverhalten wird von Freunden geschätzt und bei deinem Arbeitsverhalten verdrehen deine Kolleginnen die Augen.“ Nun steht er wieder direkt neben meinem Schreibtisch. “Doch zuletzt kommt da noch die eine Note, vor der du am meisten Angst hast. Die nämlich, die du dir selbst gibst.“

Und da hat er mich dann. Es ist nicht zu glauben. Wieso schafft er es nur immer wieder, mich so aus der Fassung zu bringen. Ja wirklich, wenn ich mir selbst eine Note geben müsste, würde sie in den allermeisten Fällen nicht gut ausfallen. Ich hab wieder nicht alles geschafft, was ich wollte. Ich war nicht einfühlsam genug, hab meine Grenzen nicht klar kommuniziert, habe mich wieder nicht getraut, etwas zu sagen, was den anderen nicht passt, ich war zu ungeduldig, zu unvorsichtig, zu leichtsinnig, zu hart. Und die Wäsche habe ich heute auch nicht gebügelt.

Ich schlucke – so ein schlechtes Zeugnis habe ich glaube ich noch nie bekommen. Da zieht Gott vorsichtig die Postkarte mit der Aufschrift aus dem, inzwischen zugeklappten, Laptop heraus: „Ich habe DICH lieb, nicht dein Zeugnis!“ Und während ich mich wieder aufrappele, durchatme und das Zeitungsherz in die Hand nehme, zwinkert Gott mir zu und ruft mir im Rausgehen zu: „Nur damit du es weißt!“

Pfarrerin Lina Kohring, Löningen