Vom persönlichen Scheitern und neuen Aufträgen – Gedanken von Pfr. Holger Ossowski

Liebe Leserinnen und Leser,
Nach dem Erfolg ein Scheitern: Wer kennt das nicht? Wenn die eigenen Erwartungen oder die Zielsetzungen anderer Menschen nicht erreicht werden, kann sich eine Kluft zwischen dem Erhofften
und dem tatsächlich Erlangten auftun. Elia, der von Jesus Sirach als eine Fackel Gottes bezeichnet
wird (Sir 48,1), ist am Ende und innerlich ausgebrannt. Kurz vorher konnte er noch einen großen
Erfolg auf dem Berg Karmel feiern und viele Anhänger des Götzenkults für Gott zurückgewinnen.
„Alles richtig gemacht“, ließe sich dazu sagen. Doch mit seinem Erfolg stellen sich sogleich
Schwierigkeiten ein. Denn nicht alle sind mit diesem Eingreifen Elias einverstanden, das ein bestehendes System zerstörte.
So bleibt die Rache der Enttäuschten nicht aus. Der zunächst siegreiche Prophet muss um sein Leben fürchten und flieht in die Wüste. Ein solcher Ort voller Entbehrungen führt Menschen an den
Rand ihrer Belastbarkeit. In der dortigen Einsamkeit kommt Elia ins Grübeln: Sollte sein Glaubenskampf doch vergeblich gewesen sein? Der Zweifel ist ein Nährboden für den Unglauben. Gräben
und Untiefen können sich da im Inneren eines Menschen auftun. Wer sich dorthin begibt, droht im
wahrsten Sinne des Wortes einzuknicken und unterzugehen. Sein eigener Unglaube gerät gar zur
Niederlage: Er kann und will nicht mehr länger leben und flüchtet sich in den Schlaf. Es ist kein erfrischender Schlaf mit Träumen, sondern eher ein Schlaf der Erschöpfung. (1 Kön 19,1-8)
Ein Scheitern ist in einer Gesellschaft, in der es nur Erfolge geben darf, geächtet. Wie lässt sich
aber mit dem Zustand des Scheiterns umgehen? Ein wichtiger Schritt ist, Verantwortung zu übernehmen und sich selbst die Niederlage einzugestehen. Der Wert der eigenen Person hängt davon
nicht ab und bleibt bestehen. Wichtig dabei ist, sich nicht zurückzuziehen, sondern gegenwärtig zu
bleiben. In seiner Auslegung der sechsten Bitte des Vaterunsers wird die Verzweiflung von Martin
Luther ausdrücklich zu den großen Schanden und Lastern gerechnet, die uns anfechten und denen
wir weder nachgeben noch erliegen dürfen. Vielmehr sollen wir über sie siegen.
Trotz seiner Flucht und Kapitulation lässt Gott Elia nicht in seiner Wüste allein. In einer geradezu
geheimnisvollen Weise wird der Prophet gestärkt, obwohl sich dieser bereits selbst aufgegeben hat.
Sein Ohnmachtsschlaf wird gegen seine Erwartung für ihn zur Erholung. Über alle vernünftigen Regeln und alle Wahrscheinlichkeiten hinweg will Gott ihm das Leben erhalten. An dieser Stelle ist
die Rede von geröstetem Brot und einem Krug Wasser. Die körperliche Sättigung und Stärkung ist
das Eine, die geistliche Nahrung das Andere. Diese Speisung des Elia verstand die Kirche als einen
Hinweis auf die Stärkung der Gemeinde Jesu Christi auf ihrem Weg durch die weltliche Wüste
durch den Empfang des Sakraments.
Die Nahrungsaufnahme ist mit einem Auftrag verbunden. Zweimal weckt ein Engel Elia und ermahnt ihn: „Steh auf und iss!“ ( 1 Kön 19,5.7) Elia will zunächst nur essen und trinken, aber nicht
aufstehen. Der Prophet will einfach weiterschlafen und nicht wieder aufwachen: Aus, Ende und vorbei! Doch beim zweiten Wecken wird deutlich, worum es geht: Vor ihm liegt ein weiter Weg! Was
für eine Aussicht. Hat er doch gerade einen kräftezehrenden Weg hinter sich gebracht, in dem er alle seine Leidenschaft eingebracht hatte und der ihn doch tief ins eigene persönliche Scheitern führte. Und nun soll er schon wieder starten, obwohl sein Akku leer ist? Woher die Kraft und den Lebenswillen nehmen, die völlig aufgebraucht wurden? „Steh auf und iss! Du hast einen weiten Weg
vor dir!“ (1 Kön 19,7) Diese Weisung durch den Boten Gottes ist deutlich und lässt keinen Widerspruch zu.
Gott interessiert sich immer mehr für den Weg, der vor uns liegt: Wenn wir selbst an ein Wegende
gelangt sind, an dem es für uns nicht mehr weiterzugehen scheint, dann haben wir einen Punkt erreicht, an dem uns Gott in eine neue Richtung führen will. Manchmal ist das ein Weg, der um eine
Ecke herum führt und sich deshalb unserer Wahrnehmung bisher völlig entzog. Gerade dann, wenn
wir meinen, dass alles vorbei ist, hat Gott etwas Neues mit uns vor: Wir sollen aufwachen, aufstehen und uns auf einen neuen Weg begeben.
40 Tage dauert die Wanderschaft des Elia bis zum Berg Horeb. Die Zahl 40 steht für eine lange Zeit
einer besonderen Gottesnähe und einer damit verbundenen Gnade, Erprobung und Bewährung. Welche Möglichkeiten und geistigen Kräfte Gott für einen Menschen noch bereit hält, wissen wir nicht.
Gerade dann, wenn wir meinen, wir sind am Ende, heißt es: Steh auf und stärke dich und mache
dich auf den Weg! Denn hinter der Wüste steht der Berg Gottes, an dem eine neue Aufgabe und Erkenntnis auf dich wartet. –

Eine gesegnete Passionszeit wünscht Ihnen
Holger Ossowski
Pfarrer der Ev.-luth. Kirchengemeinde
Garrel und Kreisdiakoniepfarrer

Frank Willenberg

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.