Sich vom Hauch Gottes berühren lassen

Pfarrer Jürgen Schwartz

Liebe Leserinnen und Leser!

So allmählich habe ich mich an das Masketragen gewöhnt und werde es auch weiterhin tun, auch wenn mir manchmal das Atmen darunter schwer fällt.

Es gibt Tage, da atme ich schwer, ob ohne oder mit Maske; z.B. beim Fahrradfahren gegen den Wind oder beim schnellen Laufen; manchmal bin ich auch außer Atem, wenn mir etwas besonders schwer zusetzt.

Aber wenn die Not und die Last vorbei sind, dann atme ich erleichtert auf.

Richtig durchatmen zu können, ist eine Wohltat. Abends, wenn ich im Bett liege und den Tag nochmals vor meinem inneren Auge habe vorbei ziehen lassen, kann ich alles loslassen, alles ausatmen und friedlich einschlafen; hoffentlich irgendwann auch einmal am Ende meines Lebens, wenn ich den letzten Atemzug mache.  

Manchmal müssen wir „um Atem ringen“, weil so viel Schreckliches um einen herum passiert. Es ist ein anderes „ATEMLOS“ als in Helene Fischers Lied. Wir hecheln hinter bestimmten Ereignissen und Gegebenheiten her: Klimakrise, Syrien- und Ukraine-Krieg, Corona. Wir hecheln den Lösungen hinterher; zum Atemholen bleibt kaum Zeit.

Davon, wie wichtig unser Atem ist, erzählt auch die biblische Schöpfungsgeschichte.

Gott, so heißt es da, nimmt Erde und formt den Menschen. Dann haucht er das Tonmodell an und schenkt so dem Menschen seinen Atem. „So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7) Als Kind stellte ich mir, wie Gott in der Sandkiste sitzt, den Erdmenschen formt, sich über ihn beugt, die Nase zuhält und – per Mund-zu-Mund-Beatmung – dem Sandmenschen den Atem in dessen Lungen bläst. Zwar eine kindliche Vorstellung, aber sie zeigt doch: Unser Atem kommt direkt aus Gottes Lunge. So nah war uns Gott. Und immer wenn wir atmen, vollzieht sich dieser „heilige Moment der Schöpfung“, so dass wir zu einer „lebendigen Seele“ werden.

Übrigens: im Koran steht: „Gott ist dir näher als deine Halsschlagader“ (Sure 50,17). Und diese unmittelbare Nähe entsteht nach biblischer Vorstellung über den Atem. „Nimmst du der Menschen Atem“, heißt es Psalm 104, „so sterben sie. Sendest du deinen Atem, so werden sie geschaffen und du machst neu die Erde.“ (Psalm 104,29-30).

Atem, Gottes Atem macht den Menschen erst lebendig. Und der Atem wird dann von Generation zu Generation weitergegeben.

Der Dichter Rainer Maria Rilke beschreibt in poetischer Weise diesen Gedanken: „Da musst du wissen, dass dich Gott durchweht seit Anbeginn.“

Das meint nicht nur meinen ersten Kinderschrei nach der Geburt, sondern: die Atemzüge reichen viel weiter zurück. – Oder umgekehrt: Der ersten Atem Adams wurde weitergereicht – bis zu uns heute. Das ist ein wunderbarer Gedanke: Jeder Tag ist eine Verbindung zu dem Schöpfungstag, als Gott den Menschen schuf.

Ausatmen, Durchatmen … für etliche von uns bieten die kommenden Ferientage eine Gelegenheit dazu: ohne berufliche und/oder schulische Verpflichtungen, vielleicht mit ungezwungenen Spaziergängen in herrlicher Frühlingsumgebung (zum Beispiel in Lindern-Auen mit der Einkehr im dortigen Cafe).

Jeder Atemzug ist wie der Name Gottes. Manchmal ein Hauch, manchmal ein Stammeln. Jeder Atemzug ein Anrufen Gottes.  Und der letzte Atemzug, am Ende des Lebens, ein Aushauchen des Lebens hinein in Gottes Reich.

Mit jedem Atemzug sind wir in Verbindung mit unserem Schöpfer und der ganzen Schöpfung. Ganz so, wie Rilke es in der Sprache der Poesie gesagt hat: „Da musst du wissen, dass dich Gott durchweht seit Anbeginn.“ Das wünsche ich Ihnen und mir, dass wir den Hauch Gottes spüren, der uns „durchweht“ bei jedem Atemzug. Bleiben Sie behütet.

 

Zur Person

Jürgen Schwartz ist Pfarrer in den evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Lastrup und Lindern

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.