Gott ist da, wo improvisiert werden muss – Gedanken zum Weihnachtsfest

Vor der evangelischen Kirche in Cloppenburg ist ein Pavillon aufgestellt worden, ein Zeltdach als Empfangsort für die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher. Hier werden die Daten aufgenommen und der Impf- oder Teststatus überprüft.

Zelte sieht man in diesen Zeiten auch im Winter überall: Vor der Kneipe in der Fußgängerzone  ist ein Windschutz mit Überdachung aufgebaut. Hier kann man seinen Glühwein an der frischen Luft genießen. Meine Boosterimpfung habe ich in einem Zelt bekommen. Gleich neben dem Kuhstall. Ein interessantes Ambiente so kurz vor dem Fest, bei dem alles sich um ein neugeborenes Kind in einer Futterkrippe dreht.

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit“ (Johannes 1,14). Der Vers aus dem Johannesevangelium hat in der traditionellen, etwas altertümlich anmutenden Wortwahl einen festen Platz in den Weihnachtsgottesdiensten der evangelischen Kirche. Neuer, verständlicher ausgedrückt in der Übersetzung der Basisbibel heißt er: „Er, das Wort, wurde ein Mensch. Er lebte bei uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Doch das Wort „wohnen“ in der herkömmlichen Übersetzung gefällt mir. Das ist schon etwas, dass Gott bei uns einzieht! Dass er bei uns wohnt. Er kommt nicht nur auf Stippvisite, um sich wieder auf den Weg zu machen, wenn aufgeräumt werden muss oder es ungemütlich wird. Er kommt, um zu bleiben. Um teilzunehmen an unserem Leben mit allem, was dazu gehört. Nicht nur die gut vorbereiteten festlichen Tage will er mit uns erleben, sondern den Alltag mit seinen Glücksmomenten und mit seinen Belastungen.

In der ursprünglichen, griechischen Sprache steht für „wohnen“ das Wort „zelten“. Bestimmt steht im Hintergrund die Erfahrung des israelitischen Volkes. Als es, aus Ägypten befreit, 40 Jahre lang in der Wüste unterwegs war, war ein Zelt der Ort, in dem Gott den Menschen begegnete. Hier wurde die Bundeslade mit den 10 Geboten bei jeder Station auf dem Weg wieder aufgebaut. Gott war mit ihnen auf dem Weg, dafür stand das Zelt mit der Bundeslade.

Gott ist mit den Menschen unterwegs. Er ist nicht nur da, wo alles fertig ist und luxeriös ausgestattet. Er ist gerade da, wo noch nicht alle Fragen geklärt sind. Wo jemand auf der Suche ist, vielleicht seine Zelte an einem Ort abbricht, um neu aufzubrechen. Gott ist da, wo Menschen in unserer Zeit in Zelten leben müssen. Bilder aus den Lagern der Geflüchteten auf Lesbos stehen mir vor Augen. Und Bilder aus Syrien, wo Menschen in ihrem eigenen Land keine feste sichere Bleibe mehr haben.

Gott ist da, wo Menschen Mangel leiden. Wo es am nötigsten fehlt. Gott ist da, wo improvisiert werden muss. Mich beeindruckt es immer wieder, wie sehr Menschen sich engagieren in den und zwischen den Zelten, in unserer Region und anderswo. Mich beeindruckt es, dass sie nicht resignieren, immer wieder Mut schöpfen. Dass sie Ideen entwickeln und das, was sie können und haben, einbringen, um anderen Menschen zum Leben zu helfen: mit einer Impfung, mit der Versorgung mit dem Alltäglichen, mit Aktionen, die die Aufmerksamkeit auf einen Krisenherd lenken. Für mich ist der Einsatz von Menschen für das Wohl anderer ein Hoffnungszeichen. Ein Zeichen dafür, dass es immer noch Möglichkeiten gibt, etwas zu verändern in dieser Welt.

Ich verstehe die gelebte Menschenliebe unserer Zeit als Zeichen der Nähe Gottes. Gott wohnt aus Liebe zu den Menschen unter ihnen und ist mit ihnen unterwegs. Dafür steht das Kind in der Krippe.[i]In ihm wohnt Gottes Liebe unter uns. Und sie bleibt.

Ein Beitrag von Martina Wittkowski, Kreispfarrerin im Ev.-Luth. Kirchenkreis Oldenburger Münsterland

 

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.