Im Boot des Lebens – Ein Beitrag von Pfarrerin i.R. Hiltrud Warntjen

Wieder ist Advent. Über die vier Sonntage bis Weihnachten hin. Wir bereiten uns vor. Auf die Ankunft des Herrn, so lehrt es die Kirche. Wir erwarten die Ankunft des göttlichen Kindes. Feiern seinen Geburtstag an Weihnachten. Jahr für Jahr. Ursprünglich bedeutet das lateinische Wort „Adventus“ das Herankommen. Das Zugehen auf etwas nicht Planbares, nicht Vorhersagbares, Überraschendes. Dem englischen „Adventure“ verwandt, dem Abenteuer, dem Unvorhersehbaren. Etwas, das in unserer Zeit nahezu vergessen ist.

Eine Schwangerschaft hat immer noch viel von solch einem Adventure oder Adventus. Wir wissen nicht viel von dem, was da uns auf uns zu kommt. Wie das erwartete Kind sein wird. Wie das Leben mit der Tochter, mit dem Sohn aussehen wird. Was wir gemeinsam erleben werden. Was uns verbinden wird. Ob wir einander lieben werden.

Eine schwangere Frau ist in ihrem „Adventus“ mit viel Hoffnung unterwegs. Dass alles gut geht. Dass das Kind gesund zur Welt kommt. Dass es alles lernen wird, was es im Leben braucht. Dass es wächst und gedeiht. Gar nicht so selten werden die Hoffnungen bald enttäuscht. Das werdende Leben endet mehr oder weniger weit vor dem Geburtstermin. Das ist so schwer.

Am morgigen Sonntag, am 3. Advent, stellen wieder viele Frauen in aller Welt, die ein Kind verloren haben, abends um 19.00 Uhr eine Kerze ins Fenster. Um uns und sich zu erinnern. An die vielen Sternenkinder. Beim world wide candle lightning. Kerzenlichter als leuchtende Zeichen der Hoffnung, die bleibt. Trotz allem. Hoffnung, die alle Trauer überwinden hilft.

Und für den Landkreis Vechta sind alle, die um ein Kind trauern, eingeladen in die Propsteikirche St. Georg in Vechta. Zum ökumenischen Gedenkgottesdienst. Um 15.00 Uhr. „Der Leuchtturm als Lotse in der Trauer“, so ist die Feier überschrieben. Lichter werden leuchten. Zur Erinnerung. Dass sie nicht vergessen werden. Bei uns nicht. Und bei Gott auch nicht. Egal, wie früh sie von uns gingen. Egal, wie alt sie waren, als sie starben.

Leuchttürme verbreiten Licht. In der Dunkelheit. Geben Orientierung. Geben Sicherheit und Schutz. Weisen uns in der Dunkelheit den Weg. Stehen stark und fest, weithin sichtbar, hoch gebaut. Sind Wegweiser, auch im Sturm, und weisen uns die Richtung. Machen es hell. Leuchten weit. Und geben Zuversicht. Ja, das Wichtigste an den Leuchttürmen ist das Licht. Helfendes Licht in der Dunkelheit. Wärmend und Vertrauen schenkend.

Und wir? Wir sitzen in unseren Booten des Lebens. Allein. Oder gemeinsam mit anderen. Suchen nach dem Licht. Orientieren uns an der Sonne. Und an den Sternen am Himmel. Halten Ausschau nach weiteren Lichtern. Nach Leuchttürmen, die uns auf festes Land weisen. Oder vor Untiefen warnen. Vor Stürmen auch. Manchmal gerät unser Lebensboot in Seenot. Wir werden kräftig durchgeschüttelt, hin und her, auf und ab. Gar nicht so selten seekrank. Und verlieren die Orientierung. Wie sehr wir auch suchen. Wir finden es nicht. Sehen das Licht nicht. Nicht mehr. Haben es verloren.

Geben wir die Suche nicht auf. Es ist ja immer noch da. Das Licht. Das Licht des Lebens. Mein Leuchtturm ist Jesus. Der von sich sagte: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12) Worte, die ich mir als 14jährige zur Konfirmation aussuchte. Leuchtende Worte. Die bis in meine Gegenwart hineinscheinen. Jetzt. 50 Jahre später.

Das Licht ist da. Scheint in der Finsternis. Leuchtet hell. Will trösten und retten, heilen und helfen. Will aufrichten und stärken. Mut machen und Kraft schenken. Gerade denen, die verzweifelt sind, die traurig sind, die Angst haben. Das Licht ist da. Das menschgewordene Licht. Jesus. Es kommt. Alle Jahre wieder. Licht in der Dunkelheit. Das kleine Kind in der Krippe. Das uns segnet.

In diesem Adventus vielleicht so: Segensworte für alle, die um ein Kind, trauern, egal wie alt. Für alle, die um einen lieben Menschen trauern:

 

Gottes Segen für alle, die uns jetzt nicht ausweichen.

Für die, die uns zulächelt.

Für den, der uns seine Hand reicht, wenn wir uns verlassen fühlen.

Gottes Segen für alle, die uns immer noch besuchen.

Auch wenn sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.
Gottes Segen für alle, die uns erlauben, von den Verstorbenen zu sprechen. Dass wir unsere Erinnerungen nicht totschweigen.

Dass wir Menschen finden, denen wir sagen mögen, was uns bewegt.

Gottes Segen für alle, die uns zuhören.

Auch wenn das, was wir zu sagen haben, sehr schwer zu ertragen ist.

Gottes Segen für alle, die uns nicht ändern wollen.

Sondern uns geduldig so annehmen, wie wir jetzt sind.

Gottes Segen für alle, die uns trösten.

Die uns zusichern, dass Gott uns nicht verlassen wird.

Gottes Segen berge uns alle.

Behüte, schütze und bewahre uns.

Stärke uns für unsern Weg.

Leuchte uns.

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.