Zum Beispiel Debora

Zuletzt aktualisiert am 8. Mai 2024

Einfach nichts dazu schreiben geht auch nicht. Der Muttertag ist nun einmal für viele nach wie vor ein wichtiger Feiertag. Wir alle haben ja mindestens eine Mutter. Und viele von uns sind selbst eine. Kann sich heute das Wort zum Sonntag überhaupt mit etwas anderem beschäftigen?
Aber bin ausgerechnet ich derjenige, der dazu etwas schreiben kann? Ich: Mann, viel zu oft nachlässig als Vater und unaufmerksam in der Familienarbeit, dazu noch Pfarrer einer Kirche, die über Jahrhunderte Geschlechterbilder hochhält, von denen vor allem Männer profitieren.
Der Muttertag an sich ist ja schon problematisch genug. Nicht nur, weil er maßgeblich von Floristen- und Konditorenverbänden gefördert wurde. Nicht nur, weil er in Deutschland vor 90 Jahren von den Nazi-Herrschern dafür designt war, Frauen in die Rolle von Gebärmaschinen zu pressen, die Soldaten für Hitlers Welteroberungspläne produzierten. Nachdenklich macht auch, dass großenteils Männer europaweit die Einführung eines Muttertags vorantrieben, um Frauen in ihrer Rolle als Mutter zu ehren. Frauen, die darunter litten, nicht Mutter werden zu können, und Mütter, die unter der ihnen zugeschobenen Rolle als Mutter litten, blieben ungesehen.
Schnell war auch vergessen, dass die Muttertags-Idee ursprünglich eng verbunden war mit dem Einsatz von Frauen für soziale Gerechtigkeit. Der erste Muttertag 1908 erinnerte an Ann Reeves Jarvis, Ehefrau eines Pfarrers aus West Virginia, die 1858 die Mothers Days Works Clubs gegründet hatte. Ihr Ziel war, unter der Arbeiterschaft sanitäre Missstände zu beseitigen, Gesundheit in Familien zu fördern und damit der hohen Kindersterblichkeit entgegenzuwirken. Nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs kam die Versöhnungsarbeit mit Soldatenmüttern beider Lager hinzu.
Die großen Kirchen nahmen die Idee eines Muttertags unterschiedlich auf: Auf der einen Seite standen evangelische Pfarrer, die am Muttertag die Predigt unter das Thema des Mütterlichen stellten – schon dies eine ungeheuerliche Engführung im männlichen Blick auf Frauen. Auf der anderen Seite stand z.B. der katholische Kardinal Faulhaber, der meinte, die Katholiken bräuchten keinen Muttertag, weil sie ohnehin schon den ganzen Monat Mai der Mutter, nämlich der Gottesmutter Maria gewidmet hätten.
Ausgerechnet Maria, die zwar in ihrem Lobgesang Gott besingt, der „die Gewaltigen vom Thron stößt“, die aber von der Männerkirche systematisch auf die sanfte, bedürfnislose Dulderin reduziert worden ist. Die nun also soll das Urbild der christlichen Mutter sein? Die Bibel kennt auch andere Mutter-Bilder.
Zum Beispiel Debora, von der wir im Buch der Richter im lesen. Debora ist Prophetin und Richterin, was immerhin das höchste Staatsamt im damaligen Gottesvolk ist. Als solche zieht sie auch sehr erfolgreich in den Krieg, zusammen mit dem Feldherrn Barak. Verheiratet ist sie mit einem gewissen Lappidot, von dem wir nichts weiter erfahren. Was mag Lappidot gedacht haben, wenn seine Frau nicht brav zu Hause am Herd, sondern heldenhaft im Feld stand? Wie war in solchen Zeiten die Kinderbetreuung organisiert? Wir erfahren nichts darüber. Das war denen, die von Debora berichten nicht erzählenswert. Wichtig war nicht ihre Mutterrolle, sondern was sie als Richterin im Volk leistet.
Und nun also: Was kann der männliche Kirchenvertreter zum Muttertag sagen? „Danke“ bleibt trotz allem ein gutes Wort an diesem Tag. Respekt und Dank an alle Marien unserer Zeit. Respekt und Dank zugleich den Deboras.

Wolfgang Kürschner, Evangelischer Gemeinde- und Krankenhauspfarrer