Liebe, Liebe, lieben … Nächstenliebe

Liebe, Liebe, lieben … Nächstenliebe

 

„Schreiben Sie doch mal über Nächstenliebe“, so bekam ich zur Antwort am letzten Montag in meinem Lieblingsladen. Gut. Schönes Thema. Dachte ich. Selbst mal wieder gründlich drüber nachdenken. Wie ist das eigentlich, ja, was ist das eigentlich – diese Nächstenliebe? Ist das nicht “Schnee von gestern“, „kalter Kaffee“, so was von „früher“? Etwas, das heutzutage nicht mehr wichtig ist? Gar nicht mehr gebraucht wird? Und wo kommt sie her – diese Nächstenliebe?

 

Steht schon in der Bibel: “Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst!” In einem Atemzug mit: „Liebe Gott!“ Ganz deutlich, Nächstenliebe ist mit der zentrale Punkt des Christentums. Nicht: richtig oder falsch, sondern: Nächstenliebe. Fragen: wer ist denn meine Nächste, mein Nächster? Und was bedeutet das für mein Leben? Und:
wie geht das bloß, dies „wie dich selbst“?

 

Mich selbst lieben? Mich unvollkommenen Menschen? Mit all meinen Fehlern und Makeln? All dem an mir, was nicht perfekt ist? Wo ich mich „anders“ oder gar „falsch“ fühle als all die anderen? Das ist wahrlich nicht leicht oder einfach. Mich selber annehmen. Auch wenn ich mir immer wieder selbst der größte Feind, die stärkste Gegnerin bin. Mich selber wichtig nehmen. Gut für mich sorgen. Wenn ich nur funktioniere, wenn ich froh bin, irgendwie durch den Tag und durch die Nacht zu kommen, dann bleibt kaum Zeit für die Liebe, für die Nächstenliebe „wie mich selbst“.

Gut, wenn ich „Ja“ sage zu mir. Mich selbst so annehme wie ich bin. Akzeptiere, wie ich geworden bin. Bei mir bin. Den eigenen Gefühlen nachspüre, den eigenen Gedanken nachgehe. Nachfühle, was mich traurig macht und was wieder fröhlich. Nachsinne, welche Worte mich verunsichern und welche mich trösten. Nachdenke, was mir gut tut. Was mir hilft. Und so ganz bei mir sein. Mich liebhaben.

 

Die oder der Nächste, das kann dann jede, jeder für mich sein. Wer mir gerade gegenüber ist. Anvertraut ist. Meinen Weg kreuzt. Ich sehe sie. Erkenne sein Unglück, ihr Leiden, empfinde ihre Freude, ihr Glück mit. Ganz egal, ob der Nächste in der Ferne lebt, egal, ob die Nächste in meiner Straße zuhause ist. Ich kenne es ja alles von mir selbst, wie es ist. Empfinde, erlebe, fühle es mit. Wie kann sie aussehen, die Nächstenliebe, „wie mich selbst“? Hier meine kleine Liste, ganz unvollständig:

 

andere ansehen, annehmen, aushalten mit ihnen

begleiten, behüten, bewahren, beschützen, bemuttern, befähigen

christlich sein, caritativ

durchhalten, dienen, diakonisch sein

ernst nehmen, einkaufen gehen, das Elend sehen, einfach da sein, einfühlsam sein

für sie oder ihn sorgen, fürsorglich sein

glücklich „machen“, Geld spenden

hüten, heilen, helfen

in den Arm nehmen

jederzeit da sein, wie auch immer

kochen, kümmern

loben, lächeln

mich anbieten, mitleiden, mitweinen, mitfreuen, mitlachen

Not sehen, mich auch mal nötigen lassen, nicht verurteilen, nicht besser wissen, nicht alles tun, was der oder die andere will

offen sein, Ordnung schaffen

protestieren, praktische Hilfe leisten

quatschen

raushelfen, retten

sorgen, schützen, sein lassen, stark machen, stärken
trösten, teilen

umhüllen, unterstützen, umsorgen

verbinden, verwöhnen, vorlesen, vergeben, versöhnen

wertschätzen, Wäsche waschen

zupacken, zärtlich sein, zufassen, zuhören, Zeit schenken

 

Nächstenliebe kann vieles sein davon. Ist nie alles. Vielleicht damit beginnen, es nicht immer besser zu wissen. Total schwer, finde ich. Und nicht zu verurteilen. Total schwer auch das. Ich nehme es mir vor. Immer wieder. Versuche, mich darin einzuüben. Erst mal zuzuhören. Bei der Nächsten sein. Bei ihren Gefühlen. Bei seinen Gedanken. Das üben, ausprobieren. Jeden Tag neu.

 

Nächstenliebe meint auch: die andere mit ihren Fehlern, den anderen mit seinen guten Seiten sehen. Und üben, sie anzunehmen. Nächstenliebe heißt übrigens nicht: sich nicht wehren oder andere nicht zu schützen – Nein. Heißt das auch nicht, alles zu tun, was derjenige oder diejenige will. Der Ausdruck der Liebe ist nicht Wehrlosigkeit. Ich bin eingeladen es so zu versuchen wie Jesus. Der die Menschen liebte, ihnen aber auch immer wieder klar und deutlich die Meinung sagte.

 

Es versuchen wie Jesus. Deutlich sagen, was ich will oder nicht will. Was ich tun kann und was nicht. Meine Grenzen setzen, meine Wünsche äußern. Das dem anderen, der anderen auch sagen. Denn: egal, wie sehr ich den anderen liebe oder der andere mich liebt, ohne Austausch, ohne Worte verstehen wir uns nur schwer. Ausdrücken, aussprechen, was unsere Wünsche sind. So wichtig für das Miteinander in Liebe. In Nächstenliebe.

 

Du siehst, jemand verliert den Anschluss. Geh neben ihm her. Du siehst, jemand wird übersehen. Finde einen Weg, sie einzubeziehen. Erinnere Menschen immer an ihren Wert. Hab dich selbst lieb! Dann hast du alle Menschen lieb wie dich selbst. Solange du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als dich selbst, so hast du dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen. Mach’s wie Jesus! Liebe! Liebe deinen Nächsten! Deine Nächste!

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.