Einfach Mensch sein
In der Woche nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt war ich unruhig. Mich bewegte und entsetzte das Ergebnis wie viele andere auch. Ich hatte vor den Wahlen mitverfolgt, wie Kirche zusammen mit anderen zivilgesellschaftlichen Playern Zeichen setzte für Nächstenliebe, Menschenwürde und Zusammenhalt. Mit Demokratiefesten. Mit einem Riesen-Chor-Event in der Magdeburger Kirche: Herbert Grönemeyer sang mit 400 Sängerinnen und Sängern zusammen „Der Mensch bleibt Mensch“. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, vor den Kommunalwahlen bei uns, fragte ich mich: Was kann ich tun? Was können wir als Kirche tun? In unserer Gesellschaft soll es doch nicht normal werden, Menschen auszugrenzen und abzuwerten, nur weil sie auf irgendeine Weise anders sind. Ich musste nicht lange überlegen, als eine kurzfristige Anfrage bei mir ankam, ob ich bei einer Demonstration im Cloppenburger Stadtpark sprechen würde. „Lesbisch in Cloppenburg“ hatte die Initiative ergriffen. „Wir wollen sichtbar sein“, das stand hinter dieser spontan organisierten Veranstaltung. Es hat mich berührt, wie offen junge Menschen dort sprachen. Sie erleben wegen ihrer sexuellen Orientierung alltäglich Ausgrenzung, und dort erzählten sie ihre Geschichten. Und sie taten es in einem freundlichen Ton. Es ging nicht um Anklage und Anfeindung, sondern einfach um den Wunsch: Lasst uns gut miteinander leben. „Seid Menschen“, der Ausspruch von Margot Friedländer wurde mehrfach zitiert. Mehr brauchen wir nicht.
Was kann ich tun? Was können wir tun? Diese Fragen begleiten mich weiter, und ich habe Ansätze für erste Schritte gefunden: Ich kann denen den Rücken stärken, die angefeindet werden. Ich kann widersprechen, wo Menschen herabgewürdigt werden. Ich kann Fragen stellen, wo pauschale Schuldzuweisungen und einfache Antworten als Wahrheit hingestellt werden. Wir können uns vernetzen. Gemeinsam zeigen, dass Menschsein in aller Vielfalt zwar nicht unkompliziert, aber bereichernd ist. Wir können feiern. Uns kennenlernen, miteinander sprechen. Dazu wünsche ich mir noch mehr Gelegenheiten, und vielleicht können wir gemeinsam welche schaffen. Wir können einen positiven Ton setzen – gegen Vorurteile und eine schlechte Stimmung. Ich sah eine kurze Videosequenz von einer muslimischen Frau aus Sachsen-Anhalt: Am Tag nach der Wahl traute sie sich als Kopftuchträgerin kaum mit ihrem Kind in den Supermarkt. Doch dort traf sie auf lauter betont freundliche Menschen. Die ihr zunickten und sie grüßten, die sie an der Kasse vorließen. „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen.“ (Philipper 4,5) Das ist ein Anfang.
Kreispfarrerin Martina Wittkowski, Cloppenburg

