Ich liebe E-Scooter nicht
Ich habe Vorurteile. Zum Beispiel gegenüber E-Scooter-Fahrern im jugendlichen Alter. Zu zweit auf einem E-Scooter, auf der falschen Straßenseite, mit Smartphone in der Hand und dazu noch viel zu schnell – so nehme ich dieses Gefährt immer wieder wahr. Einmal hatte ich beim (langsamen!) Ausparken mit dem Auto beinahe einen Unfall, weil ein E-Scooter mit blitzartiger Geschwindigkeit (natürlich auf der falschen Straßenseite) an mir vorbeigeschossen kam.
Vor ein paar Wochen ereignete sich dann folgende Situation: Als ich zu Fuß durch die Innenstadt gehe, checke ich auf meinem Smartphone nur mal kurz die Mails. „Oh, wie schön, auf die Antwort hab ich ja schon länger gewartet…“, denke ich und lese die Nachricht mit Freude als „ICH BIN AUFMERKSAM -WAS SIND SIE???“, meine Gedankenversunkenheit unterbricht.
Konsterniert stehe ich da. Zugerufen hat mir das ein vielleicht vierzehnjähriger E-Scooterfahrer. Ermahnt hat er mich zum korrekten Verhalten im Straßenverkehr. Mich, der ich ein überzeugter Fahrradhelmträger bin und den Hinweis auf die Rettungskarte des ADAC in der Windschutzscheibe kleben habe! Das passt nicht in mein Weltbild, denke ich. Und dann muss ich lachen. Da gibt es nichts zu beschönigen: Ich habe mich falsch verhalten, er völlig korrekt.
„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3) so sagte es Jesus in der Bergpredigt. Die Fehler anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen, darin bin ich wirklich gut. Aber um den Balken (oder in diesem konkreten Fall das Smartphone) in meinem eigenen Auge wahrzunehmen, dafür braucht es dann hin und wieder einen lautstarken Hinweis eines anderen.
Ich bin dem jungen E-Scooterfahrer dankbar für seinen Appell. Zum einen, weil es mir (mal wieder) auf erfrischende Weise mein vorurteilsbehaftetes Denken auf den Kopf gestellt hat. Und zum anderen hatte ich ihn noch mehrfach wieder im Ohr. Noch schnell während der Autofahrt aufs Smartphone schauen? „ICH BIN AUFMERKSAM – WAS SIND SIE???“, schießt es mir nun wie ein frisierter E-Scooter durch die Gedanken – und ich lasse die Hände lieber am Lenkrad. Weise Worte erreichen uns bisweilen dort, wo wir es am wenigsten erwarten.
Johannes Rohlfing, Pfarrer in Friesoythe

