Buckelwal Timmy, Augustinus und mein nerviges Gewissen
Ist das nicht alles ein bisschen übertrieben, was da an Aufwand betrieben wird für ein einziges Säugetier? Hätte das Geld nicht viel besser in den Sudan gehen sollen – die humanitäre Katastrophe dort ist doch viel schlimmer!
„Herzlichen Glückwunsch zu diesen überaus rationalen Gedanken!“ höre ich diese nervige Stimme in meinem Gewissen. Sie fährt fort: „Das wird den Sudanesen bestimmt sehr helfen, dass Du ihr Leid gegen anderes auf der Welt gedanklich ausspielst.“
„Nicht direkt, nein.“ erwidere ich und ahne schon, dass ich wieder einmal den Kürzeren ziehen werde. Aber so schnell gebe ich nicht auf: „Schon Augustinus hat über unser Mitgefühl geschrieben, nebenbei bemerkt in Auseinandersetzung mit seinem Gewissen, das bestimmt ein viel nachsichtigerer Gesprächspartner war als du es bist…“. „Das bezweifle ich ernsthaft!“ fällt es mir ins Wort. Ich erwidere: „…in Ordnung, da hast du wohl einen Punkt. Wie dem auch sei. Unser Mitgefühl neigt dazu, von Neugier und Sensationslust getrieben zu sein, sagt schon Augustinus.“ Mein unsichtbarer Gesprächspartner reagiert herausfordernd: „…und?“. Ich antworte: „Na, das zeigt doch, dass wir nicht einfach nach unserem Bauchgefühl gehen dürfen, sondern Prioritäten setzen müssen, also unser Mitgefühl gewissermaßen ordnen.“ Mit Augustinus müsste ich es kleinkriegen, denke ich siegesgewiss.
„Ja, das leuchtet mir völlig ein.“ antwortet es, doch noch während ich mich selbstzufrieden zurücklehne, hebt es wieder an: „Eine Frage hätte ich da noch: Was haben nun die Sudanesen von deinen klugen Gedanken? Wie viel hast du denn bislang für sie gespendet?“ Verlegen entgegne ich: „Naja…äh, wollte ich gerade machen. Du hältst mich hier ja auf!“. „Nur zu, ich bin ganz still und warte.“ Ich seufze: „Ach weißt du, es gibt einfach so unfassbar viel Schlimmes auf der Welt! Und über alles kann ich mir keine Gedanken machen, geschweige denn spenden! Und überhaupt, es ist alles so weit weg und abstrakt und kompliziert. Wenn es wenigstens mal was geben würde, wo zumindest die Chance auf ein happy end besteht. Das würde dann vielleicht auch Hoffnung geben für all die anderen unzähligen Katastrophen!“ Nach kurzer Pause antwortet mein Gewissen triumphierend: „Wie etwa die Rettung eines unschuldigen und majestätischen Walfisches vor der eigenen Küste?“
Schachmatt. Wieder einmal. Wortlos nicke ich und höre zu: „Vorschlag zur Güte: Du freust dich, dass es Menschen gibt, die mit viel Herzblut nach bestem Wissen und Gewissen etwas Gutes tun und überlegst selbst, was du tun kannst?“ Einverstanden gebe ich mich geschlagen. Und gönne meinem Gewissen sein Gewinnergrinsen.
Johannes Rohlfing, Pfarrer in Friesoythe

