Leuchtende Kerzen

Vor dem Konzert der Toten Hosen in Wien hat Sänger Campino in der dortigen Peterskirche 3 Kerzen entzündet. So ist es auf einem Mitschnitt bei youtube zu hören, bevor die Band das Lied ‚Paradies‘ spielt. Offensichtlich haben sie morgens die Kirche besucht, so wie viele andere es machen. Und wie auch ich selbst es vor einem Jahr getan habe. Um dieses schöne Bauwerk, die Malerei, den Innenraum zu bestaunen und auf sich wirken zu lassen. Bei so einem Besuch nehmen viele gerne eine Tradition wahr. Nämlich die Möglichkeit, in einem Raum der ‚kurzen‘ Andacht eine Kerze zu entzünden. Campino erzählt dazu: ‚3 Kerzen habe ich angezündet. Eine für meine Familie, dass sie gesund sind. Eine für diese Wahnsinnstour … ein gnadenloser Glücksgriff … und eine Kerze für Wien, für alle Abenteuer und Dinge, die wir hier erleben durften‘ … Danach singen sie das Lied ‚Paradies‘. Ein eher kirchenkritisches und religionskritisches Lied. Sie singen: ‚Vielleicht stimmt es ja doch, dass das Leben eine Prüfung ist und wir uns bewähren sollen. Nur wer sie mit 1 besteht, kann in den Himmel kommen. Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dahin so schwierig ist …‘

Ein Widerspruch? Aus meiner Sicht nicht wirklich. Denn in ihrer äußeren Gestalt ist die Kirche ja auch als menschliche Organisation erfahrbar. Das Pendel kann so auch zu jener Seite ausschlagen, wo Kirche und Religion als einengend, moralisierend, gesetzlich erfahren werden. Und ein Gefälle von Macht aufgebaut wird. Dabei sind doch selbst die Gebote ihrem Sinn nach nicht einengend gemeint. Die 10 Gebote z.B. sind nicht um irgendeiner Prüfung willen da. Sie scheinen auf in der Menschheitsgeschichte, weil sie gut sind. Sie sind da, um Unmenschlichkeit zu begrenzen und ein gutes Zusammenleben zu ermöglichen. Worte wie die Seligpreisungen führen sie in eine noch größere Weite.

Das Leuchten der Kerzen erinnert so auch an jenes, was Vertrauen, Liebe, Hoffnung in christlichem Sinne ausmachen. Und wofür Kirche ihrem Kern nach da ist. Der Rückblick auf die Tour, der Dank für die Familie, die Erinnerungen an Wien. Jemand anderes spricht mit einer Kerze in der Stille seines Herzens vielleicht eine Bitte um Trost und Kraft aus. Wofür die Kerzen jeweils leuchten, wir können es nur erahnen. Sie geben Raum für Dankbarkeit, für Liebe, Erinnerung, Trost, Gebet und Freiheit. Und geben ein Gefühl für jenes, was ich für kein Geld der Welt kaufen kann. Zwei Kerzen setze ich hinzu. Eine mit Dank für eine Kirche, die solch einen Raum bietet. Und eine für einige Hosen-Konzerte, die ich mit meiner Familie erleben durfte.

Pfarrer Joachim Eisemann