Satz mit X … oder: Mut zum Ausprobieren

Bei einer Fahrradtour an einem heißen Sommertag entdeckten wir sie am Wegesrand: Bäume mit leuchtend gelben und orangen Früchten. „Das sind Mirabellen“, dachten wir. Zum Glück hatten wir eine Leinentasche dabei. Wir pflückten eine ordentliche Menge. Marmelade zu kochen, gehört nämlich zu meinen Lieblingsbeschäftigungen im Sommer. Im Laufe der Pflückaktion kamen Zweifel auf, ob das wirklich Mirabellen seien. Flora Incognita, eine Pflanzenbestimmungs-App, half weiter: Es waren Kirschpflaumen. Rezepte waren leicht zu finden und kündigten leckere Ergebnisse an. Mit Wein, Zitronensaft und Rosmarin zusammen schmeckt es so richtig nach Sommer, wurde angekündigt. Zuhause probierte ich zunächst eine kleine Menge aus. Das Ergebnis war mäßig. Wir konnten keinen besonderen Eigengeschmack der säuerlichen Früchte herausschmecken. Mühe und Ressourceneinsatz hätten sich nicht gelohnt. Also: Satz mit X – das war wohl nix. Die Marmeladenkochaktion wurde abgebrochen. Die restlichen Früchte landeten im Kompost.
Das gibt es auch sonst im Leben: Ich bin begeistert von einer Idee und starte in die Umsetzung. Eine gemeinsame Aktion in der Familie – die muss doch allen gefallen! Doch der Funke springt nicht über. Keiner und keine hat Lust mitzumachen. Ich bin enttäuscht und muss einsehen: Satz mit X …
Auch in der Kirchengemeinde habe ich das erlebt. Vor vielen Jahren bot ich in unserem damals neuen Gemeindehaus eine Andacht mitten in der Woche an: „Atempause“. Ich hatte eine kurze Liturgie entwickelt und fleißig geworben. Doch es kamen nur wenige Menschen – vor allem solche, die auch sonst schon ihre Andockpunkte im Gemeindehaus hatten. Eine Weile haben wir diese Andachten gefeiert, und für die, die kamen, war es schön. Aber das Projekt erreichte nicht die Menschen, die ich eigentlich im Blick hatte. Also wurde die „Atempause“ nach einem halben Jahr wieder beendet.
Satz mit X – das war wohl nix; das erlebe ich immer wieder in verschiedenen Bereichen. Trotzdem halte ich viel vom Ausprobieren, weil dadurch Neues entstehen kann. Kreativität und Energie brauchen Raum, um zu gestalten. Nicht jede Idee geht auf. Nicht jedes Projekt ist erfolgreich. Entscheidend ist: Ich will mir vom Misslingen nicht den Mut nehmen lassen, wieder Neues zu wagen. In einem Bibelvers, der mir wichtig ist, spricht Gott mir zu: „Ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit…“ (Jesaja 41,10). Ich kann ausprobieren, Risiken eingehen und Misserfolge aushalten, weil Gott mich trägt. Meinen Wert muss ich mir nicht durch Erfolge erarbeiten.

Martina Wittkowski, Kreispfarrerin im Ev.-Luth. Kirchenkreis Oldenburger Münsterland