Den Blick über den eigenen Tellerrand schärfen

Liebe Leserinnen und Leser,

innerhalb der Gemeinde entstand ein ernst zu nehmender Konflikt zwischen den alteingesessenen  und den hinzugezogenen Christinnen und Christen. Davon berichtet uns die Apostelgeschichte (Apg 6,1-7). Während gerade die Älteren am Ende ihres Lebens nach Jerusalem zurückkehrten , um in der Nähe des Tempels und damit in der Nähe Gottes zu sein, lebten ihre Kinder dagegen häufig in der Ferne. Wenn die Männer starben, konnten ihre Witwen deshalb oftmals nicht von ihren Kindern vor Ort versorgt werden.

Das veranlasste die Gemeinde zur tatkräftigen Hilfe: „… und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ (Apg 4,35)  Zur bedürftigen Gruppe gehörten vor allem die Witwen, die keinen Lebensunterhalt erwirtschaften konnten. Eine Möglichkeit für Frauen bzw. Witwen zu arbeiten um Geld zu verdienen gab es im Altertum so gut wie gar nicht. Und wenn eine Witwe keine Kinder hatte, die für ihren Unterhalt sorgten, so geriet diese in große Not.

Die wachsende Zahl der Gemeindeglieder ließ Lücken in der Versorgung entstehen. Dabei waren es hier die Witwen, die übersehen wurden. Die Apostelgeschichte erzählt nicht ausdrücklich, dass dieses „Austeilen nach Bedarf“ bereits zu einer Form regelmäßiger Hilfe geführt hatte. Anscheinend war es zu regelmäßigen Speisungen der Bedürftigen gekommen, zu denen die Witwen nicht eingeladen wurden. Das führte zu Ärger: „In diesen Tagen […] erhob sich ein Murren […], weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“ (Apg 6,1)

Das Murren drangt bis zu den Aposteln: Diese sahen auf den HERRN und fragten nach seinem Willen. Schnell wurde ihnen deutlich, dass die Vernachlässigung des Wortes nicht der Auftrag Gottes sein könne. Ihnen war klar, dass ein Mensch nicht allein vom Brot lebt, sondern „ […] von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Mt 4,4) Diese Botschaft, an der auch das ewige Leben hängt, musste unbedingt bewahrt werden.

Sieben Männer, wie es heißt, wurden  ausgewählt. Sie versahen den Tischdienst zur Versorgung. In der Gemeinde Jesu ist auch dieser Dienst ein geistliches Amt. Die Apostelgeschichte zeigt hier wie eine lebendige Gemeinde bei auftretenden Bedürfnissen für sich zu sorgen weiß. Trotz alledem wussten die Apostel, dass Jesus sie zum Dienen rief, nicht weniger als die für den Tischdienst gewählten Sieben.

Niemand kann alles alleine bewirken. Füreinander da sein, auf die Anderen achten und untereinander helfen: Jede und Jeder von uns hat seine ganz eigenen Gaben erhalten, die er oder sie zum gemeinsamen Wohl einsetzen soll. Nur als Gemeinschaft, die zusammenhält, können wir den täglichen und zukünftigen Herausforderungen im Leben standhalten mit Gottes Hilfe.

Holger Ossowski, Pfarrer in der ev.-luth. Kirchengemeinde Garrel, Kreisdiakoniepfarrer