Vom Tun. Und vom Lassen.
„Wieder ein Morgen / ohne Gespenster / im Tau funkelt der Regenbogen / als Zeichen der Versöhnung / … darfst dich freuen / über den vollkommenen Bau der Rose / darfst dich im grünen Labyrinth / verlieren und wiederfinden / in klarer Gestalt / … darfst ein Mensch sein /arglos / Der Morgentraum erzählt dir / Märchen … darfst / die Dinge ordnen / Farben verteilen / und wieder / schön sagen / an diesem Morgen / du Schöpfer und Geschöpf“ (nach Rose Ausländer).
Vom Tun. Ja. Schreiben. Mich inspirieren lassen, poetische Worte finden. Worte zum Sonntag. Machen so viel Freude. Mir selbst. Und Ihnen, den Lesern und Leserinnen. Worte zum Sonntag schreibe ich so gern. Im Wechsel mit vielen anderen. Oikumenisch. Katholische und evangelische Autorinnen. Woche um Woche. Nachdenkliche Worte. Die in die Tiefe gehen. Berührende Gedanken und Sätze. Die lange nachwirken. Und für den Alltag stärken. Ja. Manchmal auch Texte, die zu Leserbriefen herausfordern. Wie schön!
Aus unserm Tun Segen entstehen lassen. Segensreich. Auch unser Lassen gesegnet wissen. Das „Lassen“ mit Leben füllen. Da ist so viel Gewalt, Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit, Ausbeutung, Profitgier, Krieg! Was brauchen wir? Worte brauchen wir. Leuchtende Worte. Texte, Bilder, Gebete. Geschichten vom gelingenden Leben. Menschen brauchen wir, Gemeinschaft. Und Verbündete, die uns erinnern. Die uns zurufen „Siehe!“ (schauen Sie mal nach, wie oft das in der Bibel vorkommt!)
Siehe! Da ist Euer Gott! Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe, es war sehr gut! Da ist Euer Gott! Ein Kind, so klein in der Krippe. Siehe, einer, der heilt und teilt, was zum Leben nötig ist. Brot und Fisch und Wein. Siehe! Einer, in dem Himmel und Erde sich berühren. Einer, der die Grenzen verschiebt. An denen unsere Hoffnung sonst scheiterte.
Es hat alles seine Zeit. Auch alles Tun. Und Lassen. Schreiben hat seine Zeit. Den Stift aus der Hand legen hat seine Zeit. Lassen. Nichts tun. Die Hände in den Schoß legen. Den Blick nach draußen schweifen lassen, in die Weite. Nichts tun, nichts denken. „Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen!“ sagt Jesus (Mt 6,28b-29). Ein Lob der Faulheit!
Faul sein ist wunderbar, sang Pippi Langstrumpf. Faul sein ist das, was ich mache, bevor Müdigkeit, Erschöpfung, Frust und Angst mich gänzlich überwältigen. Faul sein: im Café sitzen. Oder am Strand. Auf einer Bank. Anderen Menschen zugucken. Faul sein – und ganz da sein. Und noch gleichzeitig ganz woanders. Auf dem Sofa liegen, eingekuschelt in eine Decke, warm und gemütlich. Den Nachmittag an mir vorbeiziehen lassen; abhängen, im wahrsten Sinne des Wortes: mich hängen lassen. Die Seele baumeln lassen.
Der Kopf wird frei. Für lose Gedanken, für verrückte Ideen, bunte Fantasien. Der Körper entspannt sich. Die Seele lässt los. Siehe, da ist Luft zum Atmen! Da ist Pause im ständigen Tun. Sommerferien. Siehe, endlich Urlaub und Verreisen! „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jes 43,19a) „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20) „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5).
Gott, berühre mich. Im Kommen wie im Gehen. Bewahre mich. Im Tun wie im Lassen. Behüte mich. Im Wachen wie im Schlafen. Begleite mich. Im Leben und im Sterben. Wie ich war, bin ich nicht mehr. Ich lasse zurück. Lasse los. Lasse mich ein auf die Zukunft. Lasse mich fallen. Gehe gelassen weiter. Mit Gott. Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Gott, stärke, was in mir wachsen will. Behüte, was ich weitertrage. Bewahre, was ich freigebe. Segne mich, wenn ich aufbreche zu dir. Segne mich und all die anderen. Dass wir gehen in der Kraft, die uns gegeben ist! Dass wir Ausschau halten nach der Liebe. Gottes Geistkraft geleite Dich und uns alle!
Pfarrerin i.R. Hiltrud Warntjen

