Guilty Pleasures

Ich schäme mich ein wenig, aber genieße es trotzdem – guilty pleasures

Das Finale vom Dschungel-Camp auf RTL am letzten Sonntag habe ich mir nicht angesehen. Wirklich nicht. Und wenn doch, würde ich es nicht zugeben, schon gar nicht hier. Denn so gehört sich das: Einschaltquote von über 4 Millionen Zuschauern, aber keiner will’s gewesen sein.

Trash-TV ist ein Paradebeispiel für ein sogenanntes „guilty pleasure“ – eine Tätigkeit, ein Genussmittel oder eine Vorliebe, die man sehr genießt, aber gleichzeitig mit mehr oder weniger starken Schuld- bzw. Schamgefühlen verbunden ist. Die „Brigitte“ übersetzt wortwörtlich mit „schuldbewusster Genuss“ und führt u.a. folgende weitere Beispiele auf: Klatsch-Zeitschriften, Schlagermusik, Videos von peinlichen Momenten im Internet anschauen. Und schließlich hält diese Zeitschrift fest, es sei wichtig, diesen Fluchten aus dem Alltag nachzugeben, da sie uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Da hat die Brigitte natürlich einen Punkt. Wer sehnt sich nicht von Zeit zu Zeit nach einer Auszeit vom Alltag?

Andererseits gibt es fraglos auch Vergnügungen, die nicht so locker-flockig-harmlos wie die oben genannten daherkommen, sondern Spuren hinterlassen in unserer Gesundheit, in unseren Beziehungen, in unserem Gewissen. Auf die Gefahr hin, als Moralapostel missverstanden zu werden: Wenn ein Begriff wie „Schuld“ von der Alltagssprache derart auf dem Silbertablett serviert wird, kann ich einfach nicht widerstehen.

Ich nehme einmal den Übersetzungsversuch „schuldbewusstes Vergnügen“ beim Wort: Der lädt uns doch zu Reflexion ein! Mir einmal bewusst zu machen, was mein Vergnügen mit mir (und anderen?) macht. Warum nicht der leisen Stimme in mir einmal Gehör schenken? Vielleicht hat sie mir ja was zu sagen. Und nur auf die, auf mein Gewissen, kommt es an. Nicht darauf, was „die anderen denken“, das ist bekanntlich äußerst wankelmütig. Mir doch egal, wenn andere meinen Musikgeschmack peinlich finden; aber kann ich etwa mein Konsumverhalten wirklich mit einem halbernst zerknirschten Verlegenheitslächeln abtun – vor mir selbst und dem, der mich geschaffen hat?

Das christliche Menschenbild weiß: Wir machen uns alle schuldig, und zwar jeden Tag aufs Neue. Aber es gibt bestimmte Zeiten im Jahr, die uns besonders zur Reflexion und Umkehr rufen (hoffentlich gibt’s für „Umkehr“ auch eines schönen Tages mal einen angesagten Anglizismus!). Heute in einer Woche ist Aschermittwoch. Sieben Tage Zeit, um mir bewusst zu machen, was meine ganz persönlichen guilty pleasures sind. Und im Anschluss sieben Wochen Zeit für das Abenteuer, bewusst auf sie zu verzichten. Eine gesegnete Fastenzeit!

Pfarrer Johannes Rohlfing, Friesoythe