Ich bin zum Hoffen geboren

Deutschklausur – Interpretation eines unbekannten Gedichtes. Da ein Gedicht sich nicht immer von ganz alleine erklärt, haben manche vor der Wiedergabe der Arbeit ein Gefühl des ‚Zugleich‘. Die Note könnte sowohl gut als auch schlecht sein. Und solange ich auch noch nicht in die Arbeit geschaut habe, ist sie in meinen Gedanken und meinem Herzen vielleicht auch beides zugleich. Sowohl gut als auch schlecht, je nachdem, in welche Richtung sich meine Gedanken gerade bewegen. Ich nehme eine Tulpenzwiebel. Sie ist auch beides zugleich. Sie ist zum einen eine Zwiebel. Zum anderen ist sie ihrem Kern nach aber auch eine Tulpe, wenn ich sie einpflanze und sie zu wachsen beginnt. Woher weiß ich nun, ob meine Gedichtinterpretation gut oder schlecht war? Ich weiß es nur, indem ich die zurück bekommene Arbeit aufschlage und nachsehe, welche Note dort steht. Bis dahin ist sie für mich der Möglichkeit nach beides: Gut oder nicht gut. Woher weiß ich, ob eine schöne Tulpe aus der Zwiebel heranwächst? Nur indem ich die Zwiebel einpflanze. Bis dahin bleibt es eine Zwiebel und sie wird auch immer eine Zwiebel bleiben, wenn ich sie nicht einpflanze. Obwohl sie die Tulpe doch enthält.
Die Botschaft zu Ostern ist für mich ganz ähnlich. Es ist beides zugleich möglich. Das Grab kann für mich beides zugleich sein: Zum einen hoffnungslos und tot und voller Zweifel. Zum anderen aber auch voller Hoffnung, Vertrauen und Leben. Beides hält die Bibel fest. Das Grab ist leer, Jesus ist nicht hier, er ist auferstanden. So hören die Frauen früh am dritten Tage, als sie sich zum Grabe aufmachen. Aber auch das andere bewegt sie, wie auch uns: Er ist gekreuzigt worden und den Foltertod gestorben. Und wenn das Grab nun auch leer ist, so weiß das Matthäusevangelium doch von dem damaligen Gerücht zu berichten: Dann mag der Leichnam Jesu wohl gestohlen worden sein.
Und nun? Wie schaue ich nach? Wir haben ja nicht wie einige andere Jesus selbst als Auferstandenen gesehen. So erscheint das Grab der Möglichkeit nach für mich tot und lebendig zugleich. Dabei finde ich es jedoch zunächst einmal bemerkenswert, dass es überhaupt auch lebendig sein kann. Und die Hoffnung damals offenkundig trotz des Karfreitags nicht gestorben ist. Sondern nach 3 Tagen wieder auflebte. Und die Frauen und die Jünger und die anderen mich einladen. Sie mir nicht zumuten, die Geschichte vom leeren Grab oder ihrem Erleben einfach so zu glauben. Sondern dass sie mich stattdessen einladen, der Geschichte Jesu noch einmal nachzugehen. Noch einmal zurückzukehren zu Weihnachten und zu den Propheten wie Jesaja, Jeremia oder Amos. Zu den alten Erzählungen der Königsbücher: zum Weg Gottes mit Abraham und Sara. Zur Botschaft um Israel und Mose. Und dann auch Jesus und seine Geschichte mit uns wahrzunehmen. Und ein wenig Vertrauen zu schenken, den Müttern und Vätern des Glaubens. Ihre Traditionen aufzunehmen. Was sie uns weiter gaben: Kirchen, Räume für die Seele, Gebete, Lieder, Trost und Hoffnung. Ein wenig dieser Hoffnung gepflanzt sein zu lassen im Herzen. So wie jenes österliche Wort zum heutigen Sonntag aus dem 1. Petrusbrief: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

Joachim Eisemann, Pfarrer für die Nachwuchsgewinnung in Oldenburg