Alles auf Vordermann?

Kaum sind die ersten Frühlingstage angebrochen, schon geht es los: Fleißige Gartenarbeiterinnen und Gartenarbeiter hacken und pflanzen, fegen und putzen. Laubpuster sind zu hören, bald wieder die Vertikutierer und Rasenmäher. Wir bringen unseren Garten „auf Vordermann“. Man kann es sich denken: Diese Redewendung kommt aus dem militärischen Bereich. Die klare Formation ist wichtig beim Marschieren in einer großen Gruppe. Jeder (und heute auch: jede) muss ausgerichtet sein auf den Vordermann (heute auch: die Vorderfrau), damit das Ganze gut läuft. Wir mögen das, und ich mag es auch, wenn alles wieder ordentlich ist.
Doch was das genau heißt, das bewerten Menschen durchaus unterschiedlich. Und dass es manchmal in meinem Leben Dinge gibt, die wichtiger sind als Harken, Fegen, Putzen und Pusten, – das ist auch so. Muss denn alles immer auf Vordermann sein? Muss alles so sein wie bei den anderen?
Eine perfekt geordnete Hochglanz-Welt wird uns in der Werbung und in den Sozialen Medien an vielen Stellen präsentiert. Die Bilder und Slogans prägen sich ein, und unbewusst spielen sie in meine Lebenseinstellung hinein: Jeden Tag 10 Minuten aufräumen, damit alles immer ordentlich ist, – woher habe ich nur diese Idee? Ich muss nicht allzu lange nachdenken, bis mir der kurze Post, der mir auf Instagram zugespielt wurde, wieder einfällt. Alles immer auf Vordermann? Bei mir zu Hause ist nie alles perfekt aufgeräumt. Ich lebe ja da. Wenn Freunde oder Verwandte zu Besuch kommen, gehe ich zwar noch einmal durch. Aber die liebsten Menschen kommen auch einfach so in die Küche, um einen spontanen Kaffee zu trinken.
Was für die äußere Ordnung gilt, ist für die innere Aufgeräumtheit genauso. In meinem Leben ist nicht immer alles auf Vordermann. Es läuft nicht immer alles glatt, nach Plan. Nicht jedem und nicht jeder erzähle ich die kritischen Themen, die mich beschäftigen, sofort. Aber ich mache die Erfahrung: Wo ich ehrlich auf die Frage antworte „Wie geht es Dir?“ und etwas durchblitzen lasse von dem, was mich besorgt, da öffnet sich eine Tür. Ein Gespräch beginnt, in dem beide Seiten von sich erzählen. Sorgen teilen, Erfahrungen austauschen und sich dadurch ermutigen. Ich merke: Wo ich mich verletzlich zeige, öffnet sich auch mein Gegenüber. Und das tut uns beiden gut.
Jetzt in der Karwoche haben Christinnen und Christen den vor Augen, „der nicht daran festhielt, Gott gleich zu sein – wie ein Dieb an seiner Beute“ (Philipper 2,6). In Jesus macht Gott sich verletzlich und ist uns Menschen deshalb so nah.

Kreispfarrerin Martina Wittkowski, Cloppenburg