Wa(h)r gelogen – ein Beitrag von Pfarrer Jürgen Schwartz

Liebe Leserinnen und Leser!

Manchmal wird es mit der Wahrheit und mit der Beschreibung von Sachverhalten nicht so ganz genau genommen – manchmal aus Bequemlichkeit, manchmal aus Unwissenheit, manchmal ganz bewusst, manchmal um andere Interessen zu verfolgen als öffentlich gesagt wird … Meistens hat das aber fatale Folgen, wie die folgende Geschichte zeigt.
Ein Schiffskapitän schrieb in das Logbuch: „Der erste Steuermann war heute betrunken!“ Als der Steuermann wieder nüchtern war und den Eintrag las, ärgerte er sich und war niedergeschlagen. Er bat den Kapitän eindringlich, diesen Eintrag zu löschen, da es das allererste Mal war und es in Zukunft ganz gewiss nicht wieder vorkommen würde. Er bat flehentlich den Kapitän: „Was werden die Menschen von mir denken, wenn sie das von mir lesen? Das ist vorher noch nie vorgekommen … und es wird nie wieder vorkommen.“ Aber der Kapitän blieb hart: „In dieses Logbuch schreiben wir immer die absolute Wahrheit!“ Der Steuermann nickte und ging nachdenklich und betrübt fort. Am nächsten Tag schrieb der erste Steuermann ins Logbuch: „Heute war der Kapitän nüchtern!“

Alles wahr und trotzdem haben wir das Gefühl, dass das, was wahr im Logbuch stand, nicht die Wahrheit war, die zu einem wahren Verständnis führt. Auch wahre Fakten können Scheinwahrheiten hervorzaubern. So stellt sich die Frage: Ist es überhaupt möglich, dass Menschen voneinander die Wahrheit wissen und übereinander sagen können, so dass auch andere sie wahrhaftig verstehen? Wie oft sind unsere Wahrheiten nur Teilwahrheiten, Halbwahrheiten und winzige richtige Ausschnitte aus einem größeren Zusammenhang. Wenn man sie oft genug wiederholt, selbst wenn es die größte Lüge ist, wird es immer glaubhafter, wahrhaftiger und entfaltet eine besondere Eigendynamik. Insbesondere immer dann, wenn es Wasser auf meine Mühlen ist, wenn es meine (bereits feste, unverrückbare) Meinung unterstützt. Gerne filtern wir uns die Aussagen heraus, die uns gefallen und unsere Meinung unterstützen. Das hat aber mit Wahrheitssuche nichts zu tun, wenn wir uns – vielleicht so wie Pippi Langstrumpf – die Welt wahr(lich) zurechtbiegen, bis sie uns gefällt.
Die Wahrheit über uns Menschen und unser Leben ist komplizierter und oft genug widersprüchlicher als wir meinen. Wir können mit der Wahrheit lügen, großen Schaden anrichten und uns gegenseitig tief verletzen. Trotzdem ist es so wichtig, um die Wahrheit zu ringen; darüber zu diskutieren, was richtig oder falsch ist; und sich dann für den richtigen Weg zu entscheiden, der auch von meinem Gegenüber mitgetragen werden kann.

Woran sollen wir uns orientieren bei unserer Suche nach Wahrheit?

In unserer biblischen Überlieferung finden sich zum Beispiel die folgenden Empfehlungen: aufrichtige Liebe und barmherzige Gerechtigkeit als Maßstäbe.  Oder, wie Paulus es kurz und knapp sagt: „Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit!“ (1. Korinther 13,6)

Aufrichtigkeit, Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit – vier große Worte. Auch wenn es manchmal ein wenig Mühe bereitet (!), sie mit Inhalt zu füllen, verheißen sie jedoch, einen friedvollen Umgang miteinander; sind ein Beitrag zum Werden vom Reich Gottes, von dem Jesus so oft sprach; tragen zu einem friedlichen, aufbauenden Miteinander bei.

Bleiben Sie behütet.

 

Zur Person

Jürgen Schwartz ist Pfarrer in den evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Lastrup und Lindern