… und die Alten werden träumen …

Eure Alten sollen Träume haben“ lese ich im Buch Josua, Kapitel 3, Vers 1. Ich gehöre nun auch dazu. Zu diesen Träumenden. Schon über ein Jahr im Ruhestand. Noch am Anfang der Träumereien. Noch mehr im Praktischen. Oma sein zum Beispiel. Großmutter. Wie das schon klingt! Nun ist unsere Enkelin schon 3 Jahre alt. Was sie wohl träumt? Und wovon? Was sie wohl von ihren Omas hält?

Ja, was ist das überhaupt – eine Großmutter? Ein Grundschulkind schrieb: „Eine Großmutter ist eine Frau, die keine eigenen Kinder hat. Darum liebt sie die Jungen und Mädchen anderer Leute. Omas haben nichts zu tun. Nur da sein müssen sie. Weil sie alt sind, machen sie keine wilden Spiele mehr. Mit rumrennen und so. Aber das brauchen sie auch nicht. Wenn sie mit uns spazieren gehen, wandern sie langsam und gemütlich. An schönen Blättern und Raupen vorbei.

Großmütter sagen niemals: „Los, vorwärts, beeile Dich, trödel nicht so, komm endlich!“ Oft sind die Omas rund und schön. Und meistens sehr klug. Gern beantworten sie uns all unsere Fragen: „Warum ist der liebe Gott nicht verheiratet?“ oder: „Warum hassen Hunde Katzen?“ Großmütter reden richtig mit uns. Nicht in so komischer Babysprache wie so viele Leute, die uns besuchen kommen und die man so schlecht versteht.

Wenn die Oma uns was vorliest, dann ist das richtig schön. Gemütlich. Sie überspringt auch nichts. Und hat gar nichts dagegen, wenn es immer wieder dieselbe Geschichte ist. Es gibt nichts Besseres als eine Großmutter zu haben. Vor allem solche, die keinen Fernseher haben. Und schließlich sind Omas die einzigen Erwachsenen, die immer Zeit haben.“ Ich denke, die Opas wohl auch. „Eure Alten sollen Träume haben!“ Ja!

Neulich habe ich rumgefragt. „Wenn ich alt geworden bin …“ begann mein Satz. Und die Gefragten, fast alle schon älter oder alt, schrieben ihn weiter. Schrieben von ihren Vorstellungen. Phantasien. Gedanken. Träumen. Hier eine kleine Auswahl aus über sechzig Träumen:

Wenn ich alt geworden bin, mag ich das feuchte Grün am Morgen unter den Füßen wahrscheinlich immer noch sehr gern. Wenn ich alt geworden bin, dann erfreue ich mich an meinen sieben Urenkelkindern. Und bin traurig, drei andere nicht zu kennen.

Wenn ich alt geworden bin, hab ich ein Meer an Erinnerungen. Wenn ich alt geworden bin, dann spiele ich mit 92 immer noch Fußball. Wenn ich alt geworden bin, erinnere ich mich nicht mehr richtig, welche Farbe mein Haar hatte, bevor es grau wurde – und kichere.

Wenn ich alt geworden bin, werde ich lachen, bis mir die Luft ausgeht und mich noch immer schwindelig freuen. Wenn ich alt geworden bin, möchte ich sein wie Maude aus dem Film „Harold and Maude“ … und mit Liebe im Herzen gehen.

Wenn ich alt geworden bin, dann schaue ich auf meinen Lebensweg wie auf einen langen gewebten Teppich, in dem die Fäden der Menschen, die mein Leben geteilt haben, mit verwoben sind. Wenn ich alt geworden bin, möchte ich weise sein – und komplett verrückt.

Wenn ich alt geworden bin, werde ich den sehen, der mich schon immer ansieht. Im freigebig strömenden Dasein. Wenn ich alt geworden bin, dann bin ich geworden. „Eure Alten sollen Träume haben!“ Ja.

Wer mich etwas kennt, weiß, dass ich gerne singe. Dass ich Lieder mag. Die mich stärken. Und meinen Glauben. Mir Kraft geben für meinen Weg. Lieder, die vom Glauben singen. Lieder, die Träume in Worte fassen. Zukunftsträume – so wie dieses Lied aus Südafrika:

„Sanftmut den Männern! Freimut den Frauen! Liebe uns allen – Weil wir sie brauchen!

Mut den Gejagten! Ehrfurcht den Starken! Friede uns allen – Weil wir ihn brauchen!

Flügel den Lahmen! Lieder den Stummen! Träume uns allen – Weil wir sie brauchen!“

Letztes Wochenende habe ich 3 weitere Strophen gedichtet:

„Nahrung für alle! Heilung den Kranken! Hoffnung uns allen – Weil wir sie brauchen!

Stärke den Schwachen! Mitleid den Kriegern! Tröstung uns allen – Weil wir sie brauchen!

Würde den Alten! Nähe den Kindern! Umarmung uns allen – Weil wir sie brauchen!“

„Eure Alten sollen Träume haben!“ Ja. Und so dichte ich tapfer und entschlossen weiter: „Kraft den Gequälten! Rettung den Opfern! Segen uns allen – Weil wir ihn brauchen!“ Ja. „Eure Alten sollen Träume haben!“

Hiltrud Warntjen, Pfarrerin i.R

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.