Ostern feiern, mit Tränen in den Augen – Ein Beitrag von Kreispfarrerin Martina Wittkowski

Da steht sie und weint. Sie sieht in das Grab. Sie vermisst einen Menschen, der ihr sehr nah am Herzen ist. Die Trauer liegt schwer auf ihr. Wie soll es nur weitergehen ohne ihn? – Mit diesem Bild beginnt eine der österlichen Geschichten im Johannesevangelium (Johannes 20,11-18). Diese weinende Frau, Maria von Magdala, sie rührt mich an. – Sofort habe ich wieder das Bild vor mir von der weinenden Mutter in einer Stadt in der Ukraine, die gerade eigenhändig ihren 27jährigen Sohn begraben musste. In mir steigen Bilder auf von weinenden Kindern und Frauen, die sich von Vätern und Ehemännern trennen müssen, die in den Krieg ziehen.

Tränen der Trauer und der Verzweiflung, sie sind der erste Anknüpfungspunkt für mich heute in der Ostergeschichte der Bibel. Die Erzählung von Ostern beginnt da, wo Menschen verzweifelt sind. Mir fällt Maria, die Mutter Jesu ein, die unter dem Kreuz Jesu steht. Wie schwer ist es, das Leiden des eigenen Kindes hilflos mit ansehen zu müssen! Mir fällt Petrus ein, der weint, weil er sich selber hoffnungslos überschätzt hat. Weil er sein Versprechen nicht halten konnte und seinem besten Freund untreu wurde. Ich denke an Jesus selbst, der im Garten Gethsemane voller Verzweiflung unter Tränen zu Gott betet, weil er den Weg des bitteren Leidens vor sich sieht, ohne Ausweg.

Die Evangelien zeigen immer wieder Menschen am Abgrund. Und in Jesus steht Gott selber dort. Gott, von Gott verlassen. Kaum auszuhalten. „Zähle die Tage meiner Flucht, sammle meine Tränen in einen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie!“ betet jemand in Psalm 56. „Schweige nicht zu meinen Tränen!“ (Psalm 39,13) ruft einer vorwurfsvoll zu Gott. In diesen Tagen mag ich gerne einstimmen in diesen Ruf, wenn ich die Menschen in der Ukraine und aus der Ukraine vor Augen habe. Auch die russischen Familien, deren jungen Männer in den Krieg geschickt wurden und dort ums Leben kamen, schließe ich in mein Gebet ein. Wie gut, dass in der Bibel Klage und Verzweiflung ihren Platz haben. Die absolut dunkle Seite des menschlichen Lebens wird nicht ausgespart. Gott selbst taucht in sie ein.

Maria von Magdala begegnet Engeln. Boten Gottes, die auf sie eingehen, nach ihrer Trauer fragen, ihr zuhören. Wie gut, wenn Menschen das heute für andere Menschen tun. Sie werden für sie zu Boten Gottes, zu Engeln. In der Ostergeschichte begegnet Maria von Magdala dem auferstandenen Jesus selbst. Zuerst erkennt sie ihn nicht. Es ist ja vollkommen außerhalb ihrer Vorstellungskraft, was da geschehen ist. Dass nach dem grausamen Sterben und dem Tod das Leben neu geschenkt wird. Der Auferstandene spricht sie an mit ihrem Namen: „Maria!“ – und alles, was sie verbindet, schwingt mit: Vertrauen und Zuneigung. Daraus wächst Hoffnung.

Ich wünsche jedem, der heute weint, dass er einem Engel begegnet, der zuhört und da ist. Ich wünsche jeder, die verzweifelt ist, dass sie angesprochen wird und dass die Hoffnung auf Leben, das stärker ist als Tod und Zerstörung, aufblitzen kann. Ostern öffnet die Tür zu dieser Möglichkeit. Durch Jesus Christus macht Gott wahr, was Jahrhunderte vorher versprochen wurde: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen…“ (Jesaja 25,8). Darauf vertraue ich, darauf setze ich meine Hoffnung, auch wenn wir in diesem Jahr mit Tränen in den Augen Ostern feiern.

Frank Willenberg

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.