Mein Teppich des Lebens – Gedanken von Pfarrerin Hiltrud Warntjen

Hiltrud Warntjen, Pfarrerin im Ruhestand

Es ist Juni. Alles ist wieder grün geworden. Fast schon Sommer. Es grünt und blüht, piepst und zwitschert allüberall. Meine Katze verbringt die Nacht schon lange gerne wieder draußen. Ich bewundere die Natur in all ihrer Pracht. Und frage mich: Wie ist wohl alles miteinander verbunden?

Die Blumen am Wegesrand? Die Vögel in der Luft? Die Menschen, denen ich begegne? Und die vielen anderen, die auf Erden leben? Die Sterne am Nachthimmel? Die Millionen Jahre alten Steine? Und all die Tiere und all die Arten von Pflanzen? Aber auch das Gute und das Böse? Das Gesundsein und das Kranksein? Das Geborenwerden und das Sterben …

Gibt es in allem ein Eines, eine Wirkkraft? Gibt es das, das die Welt im Innersten zusammenhält? Oder ist es alles einfach nur eine Summe von Billionen Einzelteilen, die nebeneinander ohne Zusammenhang existieren? Und wenn es einen Zusammenhang gibt, wie kann ich das mit Gott in Verbindung bringen?

Gibt es in allem ein Eines, eine Wirkkraft? Hildegard von Bingen, eine visionäre Äbtissin, Ärztin und Komponistin im Mittelalter, hat für dieses Eine ein Wort gewählt: sie nennt es die „viriditas“, das heißt „Grünkraft“. Oder auch „grünende Lebenskraft“. Diese Grünkraft, so schreibt sie, ist in allen Dingen: in den Steinen. In den Pflanzen. In Tieren und Menschen. Im Menstruationsblut. Und in der Zeugungskraft des Mannes. Aus der Weisheit kommt sie, die Grünkraft.

Gibt es in allem ein Eines, eine Wirkkraft? Mir kommt eine Idee. Und sehe vor mir das Bild vom Teppich des Lebens. Alles ist miteinander verwoben und vernetzt im Teppich des Lebens. Alles. Die Natur mit ihren vielfältigen Formen, mit ihrem Werden und Vergehen. Im Teppich des Lebens gibt es viele Muster. Aus vielen verschiedenen Fäden gewoben. Wir selbst sind seit unserer Geburt darin ein neuer Faden, verflochten mit den anderen und doch eigenständig in seinem Leuchten, eingebunden in das Muster und doch eine eigene Linie.

Der Teppich des Lebens. Wenn ich in diesem Bild bleibe, dann ist für mich Gott der Weber oder die Weberin, die den Lebensteppich webt. „Du hast uns schon im Mutterleib gewoben, du schneidest meinen Lebensfaden ab“, so sagt ein Psalmbeter. Wie groß ist die Weberin! Wie sieht sie im voraus das Muster, das sie weben will! Wie wählt sie die Richtung und geht ihren Vorstellungen nach!

Die lateinamerikanische Pfarrerin Julia Esquivel hat das Bild von Gott, der Großen Weberin, in Verse gefasst. Ihr Gedicht heißt „Guatemaltekische Weberei“.

„Wenn ich hinaufsteige
zum Haus der alten Weberin
betrachte ich voll Staunen,
was ihrem Geist entspringt:
tausend verschiedene Muster nebeneinander,
und kein einziges Modell kommt dem herrlich gewebten Tuch gleich,
mit dem sie die Gefährtin des
Treuen und Wahren schmücken wird.

Die Menschen bitten mich immer darum,
ihnen den Markennamen zu nennen,
ihnen genaue Modelle anzugeben.
Aber die Weberin
lässt sich nicht
in Raster pressen
und nicht in Schnittmuster.
Alle ihre Webereien sind Originale
und Wiederholungen gibt es nicht.
Ihr Einfallsreichtum
ist über alle Planung erhaben.
Ihre geschickten Hände
brauchen keine Vorlagen und Muster.
Es wird so, wie es wird,
aber sie, die ist, wird es weben.

Die Farben ihrer Webfäden sind klar:
Blut,
Schweiß,
Ausdauer,
Tränen,
Kampf,
Hoffnung.
Farben,
die keine Zeit verwaschen kann.

Die Kinder der Kinder
unserer Kinder
werden die Hand
der alten Weberin
wiedererkennen.
Vielleicht bekommt sie dann einen Namen.
Aber als Muster wird sie niemals
wiederholt werden.

 

Jeden Morgen sehe ich ihre geschickten
Finger
Die Fäden aussuchen,
einen nach dem anderen.
Ihr Webstuhl ist lautlos
und die Menschen beachten sie nicht
und trotzdem wird das Muster,
das Stunde um Stunde
ihrem Geist entspringt,
mit vielen Farben,
mit Figuren und Symbolen,
in ihren Fäden sichtbar,
dass niemand es je auswaschen
und vernichten kann.“

Ja. So ist der Teppich des Lebens gewoben. Und ich kann mich selbst mit meinem Schicksal darin wieder erkennen. Jeder einzelne ist durch die eigene Geburt wie ein neuer Faden im Gewebe. Wie ein neuer bunter Faden in den Lebensteppich hinein gewoben von Gott, der großen Weberin. Jede ein leuchtender Faden, der sich durch die Muster zieht. Ein Faden, der die Muster belebt. Ein Faden im Teppich des Lebens, der die anderen Fäden, die Menschen, mit dem eigenen Faden zu einem neuen Leuchten bringt. Ein Faden, hineingewoben von der großen Weberin.

Gott, die Große Weberin. Ungewohnt, ja. Und doch verständlich für alle, die einen handgewebten Teppich betrachten. Oder schon einmal am Webstuhl zugeschaut haben. Gott, die große Weberin. Das Weben des Lebens beginnt im Mutterleib. Das Weben des Lebens endet, wenn der Faden abgeschnitten wird. Ein Faden wandert durch die Kette, ein Muster wird zum Bild. Die Weberin webt ihren Segen hinein mit glutrot glitzerndem Faden. Voll Liebe.