GI-Martina Wittkowski

Pfarrerin Martina Wittkowski, Löningen

Geistliche Impulse von Pfarrerin Martina Wittkowski, Löningen

Die größte Katastrophe ist das Vergessen

Ist das peinlich: Das Telefon klingelt, eine junge Frau ist dran. Wollten Sie nicht heute Nachmittag zu uns kommen wegen der Taufe? – Vergessen! Ich versuche schnell, mir zu sagen: Das kann doch mal passieren. Doch es nagt an mir.

Dabei vergesse ich viel wichtigere Dinge. „Die größte Katastrophe ist das Vergessen“ ist der Titel eines Flyers. Die Katastrophenhilfe der Diakonie hat ihn zusammen mit Caritas International herausgegeben. Um die Menschen in Syrien geht es darin. Wir haben uns über Jahre daran gewöhnt, von ihrer Not zu hören. Und über all den neuen Katastrophen, die uns schockieren, drohen wir sie und die dramatischen Bedingungen, unter denen sie leben, zu vergessen. Und vieles Andere auch.

Die Corona-Krise bringt manche Missstände unserer Gesellschaft und Probleme unserer Welt wieder ans Licht. Sie waren schon einmal kurz aufgetaucht, dann aber wieder in Vergessenheit geraten. Weil uns unser eigener Alltag zu sehr in Beschlag nimmt. Weil es so schön bequem ist, wenn alles weiterläuft, wie es läuft. Weil es Mühe macht und uns verunsichert, wenn unser eigenes Verhalten in Konsum und Lebensstil in Frage gestellt wird.

Im Blick auf die Coronakrise wird immer wieder das Bild vom Brennglas gebraucht: Wie mit einer Lupe sehen wir Problempunkte unserer Gesellschaft und unserer Welt durch die Auswirkungen des Virus schärfer. Hier und da fällt das Licht so stark auf die Probleme, dass sie sich entzünden, … dass es anfängt zu brennen. So wie jetzt im Kreis Gütersloh.

Wir werden aufgerüttelt aus unserer Vergesslichkeit. Wir werden neu aufmerksam gemacht für unsere Verantwortung. Es muss sich etwas ändern! Wir müssen uns ändern.

Das wird uns dringlicher, und es fällt uns leichter, wenn wir als Christinnen und Christen etwas anderes wieder ins Gedächtnis bekommen: Was wir sind und haben, ist uns von Gott anvertraut. Durch ihn sind wir reich. Reich zum Teilen. Reich zur Gerechtigkeit:

„Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2)

Hast du einen Moment Zeit?

Als ich zwischendurch mal auf das Display meines Mobiltelefons schaue, steht da diese Frage: „Martina, hast Du einen Moment Zeit?“ – Absenderin ist meine neue App. Den Ton habe ich nicht aktiviert.

Meine Freundin kann sich für meine Neuentdeckung nicht begeistern. Dabei wird sie durch ihre Fitness-Uhr auch ab und an erinnert: Es wird Zeit, sich wieder zu bewegen!

Bei meiner App geht es nicht um körperliche Fitness oder um Ernährungstipps. „Hast Du einen Moment Zeit?“ Es geht darum, für einen Moment den Alltag zu unterbrechen. Mir Zeit zu nehmen. Die App überrascht mich jeden Tag mit einer neuen Frage, die mich ins Nachdenken bringt. Manchmal fällt mir die passende Antwort sofort spontan ein. Manchmal ploppt die Frage aus dem Gedächtnis immer wieder auf, und ich denke zwischendurch auf ihr herum.

Einmal ist es amüsant, der Frage nachzugehen. Ein anderes Mal werden meine Gedanken auf ernstere Gefilde geführt.

In jedem Fall tut es gut, aus dem Abarbeiten der alltäglichen To-Do-Liste herausgerissen zu werden. Abstand zu gewinnen, wenn auch nur kurz. Etwas Anderes, Größeres zu bedenken. Das ist wie einmal kurz das Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen und den Blick zu weiten.

Die Frage aus dem „Off“, die mich irgendwann zu verschiedenen Zeiten des Tages erreicht, sie erinnert mich mitten im Alltagsgeschäft daran: Es gibt Wichtigeres als die nervenaufreibenden organisatorischen Dinge, die mich gerade beschäftigen. Es gibt Größeres als die kleinen Vorhaben, die für mich heute im Mittelpunkt stehen. Alles, was zu meiner Arbeit und zu meinem Leben gehört, steht in einem größeren Zusammenhang.

Manchmal wird in der Frage, die mir gestellt wird, Gott erwähnt. Das macht mir bewusst: Alles, was ich denke, fühle und erlebe, hat mit Gott zu tun. „Martina hast du einen Moment Zeit?“

Mir mitten im Alltag einen Moment Zeit zu nehmen, für mich und die großen Linien meines Lebens. Zeit auch für Gott. Darin übe ich mich mit dieser App.

Sie nennt sich „XCRS-Workout“ für die Seele – XRCS das steht für „excercise“, Übung.

Sie ist eine Art Fitness-Programm. Fitness für die Seele. Meine App erinnert mich daran: Es wird Zeit, Atem zu holen. Damit ich mich selbst im Kleinklein des Alltags nicht verliere. Damit ich das Große Ganze im Blick behalte. Damit der Kontakt zu Gott bleibt.