Geistlicher Impuls

Bleiben wir verbunden!

Pfarrerin Hiltrud Warntjen, Krankenhausseelsorgerin in Vechta

Viele Aufrufe gibt es und Initiativen zu gemeinsamen Tun. Glockenläuten zu bestimmten Uhrzeiten. Eine Kerze ins Fenster stellen. Stille werden zum Gebet. Sich verbinden. Untereinander und miteinander.

Mittags um halb eins in der Krankenhauskapelle. Ich unterbreche mein Tun. Höre auf den Glockenschlag von St. Georg. Mein Kopf und mein Herz sind voll. So vieles ist jetzt anders, so vieles muss neu bedacht werden. Was noch geht in der Seelsorge und was nicht. In Verbindung bleiben. Mit den Pflegenden. Mit den Patienten. Mit den Angehörigen.

Die Kamera läuft. Die Pforte hat den Hauskanal auf Sendung geschaltet. Die Patienten in den Krankenzimmern können am Bildschirm mitbeten. Ich versuche zur Ruhe zu kommen. Einatmen … ausatmen … alles lassen. Ruhig werden vor Gott. Mich verbinden mit Gott. Beten. Guter Gott, bete ich, ich bin hier. Und Du bist hier. Ich bete zu Dir. Und weiß: ich bin verbunden. Mit Dir. Mit anderen, die zu Dir beten. Genau jetzt. Genau so. Ich bin hier. Und du bist hier. Das genügt. Und ich bringe Dir alles, was ist.

Und nach einem Moment der Stille ende ich: Gott, höre mein Gebet. Amen. Ich singe ein Lied zur Gitarre: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.“

Und dann bete ich mit einem Psalm aus der Bibel weiter. Und sage ein Trostwort. Gott sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13).

Nach einer weiteren Stille bete ich weiter: Lass dir erzählen, Gott, wie es uns geht. In diesen Tagen. Wo alles so anders ist. So durcheinander. Wo die Sonne lacht und wir die Freude vergessen. Wo die Natur neues Leben hervorbringt und wir in Ängsten sind. Tröste uns, wie eine Mutter tröstet.

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht. Den Alten in den Pflegeheimen, die wir nicht mehr besuchen dürfen wie sonst. Und den Kranken,
die meist ohne ihre Lieben in den Krankenhäusern sind. Allen Menschen, die in ihren Wohnungen bleiben müssen und die Einsamkeit fürchten. Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht. Den Kindern, die die Sorge der Erwachsenen spüren. Den Jugendlichen, für die Ruhe halten so schwer ist. Den Eltern, die jetzt so viele Lösungen finden müssen. Allen Menschen, die um ihre Existenz fürchten. Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht. Den Menschen, die sowieso schon am Ende ihrer Kräfte sind. In den Flüchtlingslagern in Griechenland und anderswo. In den griechisch-türkischen Grenzgebieten. Und lass dir erzählen von den vielen Menschen, dort und hier, die helfen und nicht müde werden. Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Gott, schütte sanft deinen Trost über uns aus. Der uns umhüllt. Und Segen dazu. Der uns immun macht gegen die Panik. Sage zu unserem ängstlichen Herzen: „Beruhige dich.“ Sprich zu unserer verzagten Seele: „Ja, die Gefahr ist da. Aber ich bin bei dir.“  Und noch dazu und allem zum Trotz: Gib uns die Freude wieder. An der Sonne. An der aufbrechenden Natur. An den Menschen, die wir lieben. An dir, du Gott des Lebens. Damit wir mutig durch diese Zeit gehen.

Pfarrerin Hiltrud Warntjen, Krankenhausseelsorgerin

 

 

Kraft, Liebe und Besonnenheit

Pfarrer J. Schwartz, Lastrup

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Zeit hilft mir ein Mutmach-Wort aus dem Neuen Testament, das ich gerne weitergebe:

 „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2.Timotheus 1,7).

Kraft, Liebe und Besonnenheit – diese drei Tugenden und Haltungen brauchen wir im öffentlichen und im privaten Bereich.

Die Liebe drängt nach der Umarmung oder zumindest dem Handschlag. Die Besonnenheit lässt uns das freundliche Zunicken vorziehen – oder auch den Stups mit dem Ellenbogen als neue Form der Begrüßung.

Die Liebe zeigt uns aber ganz bestimmt den richtigen Weg. Die Liebe sagt: Rücksicht auf andere ist wichtiger als die eigene Gelassenheit.

Wenn wir jetzt unerwartet mehr Zeit haben durch abgesagte Veranstaltungen – oder weil wir zuhause bleiben müssen, dann können wir sie nutzen für Besinnung, Gebet, für das Lesen in der Bibel und im Gesangbuch.

Wir denken an die Menschen, die gesundheitlich mit den Folgen des Virus kämpfen. Wir denken auch an die Menschen, die spürbar unter den wirtschaftlichen Konsequenzen des Virus zu leiden haben. Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Geschäftsleute bangen um das wirtschaftliche Überleben.

Für sie alle und für uns selbst wollen wir beten:

 „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.“

Kein Zweifel: Der Corona-Virus und seine gravierenden Folgen fordern uns heraus.

Den wissenschaftlichen Forschergeist, um einen Impfstoff zu finden.

Den verantwortlichen Umgang miteinander.

Auch den zeitweiligen Verzicht oder auf Änderungen im Blick auf beliebte Veranstaltungsformate. Bei Sport und Unterhaltung, in den Vereinen und in den Kirchen.

Aber wir müssen Gott deshalb nicht außen vorlassen. Zukunft hat Gott diesem Planeten und allen, die auf ihm leben, zugesagt. „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1.Mose 8,22). Das war Gottes großer „Deal“ mit den Menschen; das ist Gottes bleibende, lebensfreundliche Zusage nach der großen Flut.

Jedoch: Wir Menschen müssen das unsere mitbeitragen. Wir müssen die Erde zu unserem Schonraum, zu unserer Mit-Welt, erklären. Wir müssen unserer Bewahrungsverantwortung gerecht werden.

Mitnichten deutet sich der Untergang der Welt an – da gibt es andere, gefährlichere Themen, Gott sei es geklagt – sondern die Notwendigkeit der Intensivierung unserer Fürsorge für diesen Lebensraum – nicht nur für unsere Um-Welt, sondern für unsere Mit-Menschen, eben für unsere Mit-Welt.

Wir lernen neu, dass nichts selbstverständlich ist. Das Leben ist – alles in allem – ein Geschenk; es ist eines, das nicht selbstverständlich ist; wir sollten mit ihm sorgsam umgehen. Diese Einsicht bleibt. Oder: sie muss neu in Erinnerung gerufen werden. Auch dann, wenn die Corona-Krise überstanden ist. Vielleicht gerade dann erst recht!

Als Christinnen und Christen leben wir nicht aus der Angst, sondern aus dem Vertrauen. Bei allem, was jetzt an Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen ist, wissen wir: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Das ist die beste Voraussetzung, jetzt das Richtige zu tun, um Gefahren für die Zukunft zu vermeiden und gleichzeitig tief in der Seele zu spüren: „Gott ist bei uns – am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Auf ihn vertrauen wir, egal, was kommt.

Bleiben Sie behütet.

Pastor Jürgen Schwartz

Weltweit verbunden

 
Pfarrerin S. Prunzel

Liebe Lesende, waren Sie gestern beim Weltgebetstagsgottesdienst?

Wenn Sie jetzt mit „nein“ antworten, sage ich Ihnen: Sie haben wirklich etwas
verpasst. Sie haben verpasst, weltweit mit Menschen im Gebet und nicht nur über
Viren verbunden zu sein.
Hinter der Idee eines weltweiten Gebetstages steht die Überzeugung: „Informiert
beten und betend handeln“. Im Grunde ist es das Motto christlichen Handelns
schlechthin, informiert zu beten und betend zu handeln.
Jedes Jahr hören wir von Frauen eines anderen Landes. Gestern ging es um die
Menschen in Zimbabwe. Wir haben von ihren Problemen gehört und unterstützen sie
mit unserem Gebet und mit unserer Unterschrift, dass wir von Deutschland aus auf
die Zurückzahlung der Schulden verzichten wollen, damit von dem Geld in Zimbabwe
Krankenhäuser gebaut und Ärzte eingestellt werden können. Und wir unterstützen
sie mit Geld, das wir in den Gottesdiensten für ihre Projekte sammeln.
Immer wieder hören wir davon, wieviel Kraft das den Frauen gibt, dass sie weltweit
wahrgenommen und gehört werden.
Wie gut das tut, wenn uns jemand zuhört und mit uns solidarisch ist, wissen wir ja
selbst aus eigener Lebenserfahrung.
Das letzte Mal, dass der Weltgebetstag von Frauen aus Deutschland vorbereitet
wurde, war 1992. Da hatten Deutschland, Österreich und die Schweiz das Thema:
„In Weisheit mit der Schöpfung leben“. Das ist fast 30 Jahre her. Und wie aktuell ist
das Thema heute?
Die Frauen aus Zimbabwe haben uns gebeten für ihr Land zu beten, dass die
Herrschenden nicht in die eigene Tasche und das Land in den Ruin wirtschaften und
das Volk hungern oder die Heimat verlassen muss. Sie haben uns auch erzählt, was
gut in Zimbabwe funktioniert. Wo Lösungen für Probleme gefunden wurden. Junge
Frauen z.B., die sich weltweit mit anderen vernetzen. Kirchen haben dafür ihre
Räumlichkeiten und einen PC zur Verfügung gestellt, damit Frauen und auch Männer
das tun können.
Worum würden wir heute, wenn der Weltgebetstag von Deutschland aus vorbereitet
würde, weltweit um Solidarität bitten?
Ich würde mir Gebet und Unterstützung darin wünschen, dass wir uns als Land nicht
spalten lassen von Menschen, die einen Keil in die Gesellschaft treiben und
jahrzehntelang erkämpfte Grundrechte wieder aufheben wollen.
Und ich würde mir wünschen, dass in Umweltfragen Vernunft siegt und nicht
Lobbyismus und wirtschaftliche Interessen.
Dann würde ich davon erzählen, dass junge Menschen bei uns aktiv für ihre und
unsere Zukunft kämpfen. Dass alte Frauen, manche mit Rollatoren, in Bremen auf
die Straße gegangen sind mit Schildern „Omas gegen rechts“. Ich würde davon
erzählen, was wir ausprobiert und für praktikabel befunden haben, um die Plastikflut
einzudämmen und wo wir uns einschränken ohne dass wir deswegen schlechter
leben müssten. Ideen, die wir im weltweiten Netz gefunden haben.
Nach dem Weltgebetstag ist vor dem Weltgebetstag: der nächste ist -wie immer- am
ersten Freitag im März.
Sabine Prunzel
Pfarrerin in Bösel und Visbek – Langförden
 

Hast du einen Moment Zeit?

Pfarrerin Martina Wittkowski

Als ich zwischendurch mal auf das Display meines Mobiltelefons schaue, steht da diese Frage: „Martina, hast Du einen Moment Zeit?“ – Absenderin ist meine neue App. Den Ton habe ich nicht aktiviert.

Meine Freundin kann sich für meine Neuentdeckung nicht begeistern. Dabei wird sie durch ihre Fitness-Uhr auch ab und an erinnert: Es wird Zeit, sich wieder zu bewegen!

Bei meiner App geht es nicht um körperliche Fitness oder um Ernährungstipps. „Hast Du einen Moment Zeit?“ Es geht darum, für einen Moment den Alltag zu unterbrechen. Mir Zeit zu nehmen. Die App überrascht mich jeden Tag mit einer neuen Frage, die mich ins Nachdenken bringt. Manchmal fällt mir die passende Antwort sofort spontan ein. Manchmal ploppt die Frage aus dem Gedächtnis immer wieder auf, und ich denke zwischendurch auf ihr herum.

Einmal ist es amüsant, der Frage nachzugehen. Ein anderes Mal werden meine Gedanken auf ernstere Gefilde geführt.

In jedem Fall tut es gut, aus dem Abarbeiten der alltäglichen To-Do-Liste herausgerissen zu werden. Abstand zu gewinnen, wenn auch nur kurz. Etwas Anderes, Größeres zu bedenken. Das ist wie einmal kurz das Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen und den Blick zu weiten.

Die Frage aus dem „Off“, die mich irgendwann zu verschiedenen Zeiten des Tages erreicht, sie erinnert mich mitten im Alltagsgeschäft daran: Es gibt Wichtigeres als die nervenaufreibenden organisatorischen Dinge, die mich gerade beschäftigen. Es gibt Größeres als die kleinen Vorhaben, die für mich heute im Mittelpunkt stehen. Alles, was zu meiner Arbeit und zu meinem Leben gehört, steht in einem größeren Zusammenhang.

Manchmal wird in der Frage, die mir gestellt wird, Gott erwähnt. Das macht mir bewusst: Alles, was ich denke, fühle und erlebe, hat mit Gott zu tun. „Martina hast du einen Moment Zeit?“

Mir mitten im Alltag einen Moment Zeit zu nehmen, für mich und die großen Linien meines Lebens. Zeit auch für Gott. Darin übe ich mich mit dieser App.

Sie nennt sich „XCRS-Workout“ für die Seele – XRCS das steht für „excercise“, Übung.

Sie ist eine Art Fitness-Programm. Fitness für die Seele. Meine App erinnert mich daran: Es wird Zeit, Atem zu holen. Damit ich mich selbst im Kleinklein des Alltags nicht verliere. Damit ich das Große Ganze im Blick behalte. Damit der Kontakt zu Gott bleibt.

Martina Wittkowski, Pfarrerin an der Trinitatiskirche Löningen

 

Zielorientiert handeln

Liebe Leserinnen und Leser!

Pfarrer J. Schwartz, Lastrup

Wie schaffen wir es, unser Ziel zu erreichen? Das, was wir uns vorgenommen haben, was wir uns ersehnen: einen guten Abschluss in der Schule, die Fertigstellung eines Projektes oder …? – Eine kleine Geschichte hilft dabei.

Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten. Um es besonders schwierig zu machen, legten sie fest: Gewinner sei derjenige, der den Balkon von dem höchsten Schlossturm als Erster erreiche. Am Tag des Wettlaufes versammelten sich viele weitere Frösche in der Nähe des Schlossteiches, um zuzusehen. Endlich ging es los.
Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte, dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das Ziel erreichen könne. Statt die Läufer anzufeuern, riefen sie: „Oje, die Armen! Sie werden es niemals schaffen!”; andere sagten: „Das ist einfach unmöglich!”, und wieder andere schüttelten nur den Kopf und sagten: „Das schafft Ihr nie!”

Und tatsächlich schien es so, als sollte das Publikum Recht behalten, weil nach und nach immer mehr Frösche aufgaben. Das Publikum schrie weiter: „Oje, die Armen! Sie werden es niemals schaffen!” Und wirklich: bald gaben alle Frösche auf … alle, bis auf einen einzigen. Dieser versuchte unverdrossen, an dem steilen Turm hinauf zu kletterten. Einige im Publikum amüsierten sich, andere schüttelten erneut den Kopf über so viel Uneinsichtigkeit.

Doch dann … geschah es: Der Frosch erreichte als einziger das Ziel.
Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert. Wie war das möglich?!

Nachdem der Siegerfrosch wieder unten war, stürmte eine ganze Schar von Froschreportern auf ihn zu und überhäufte ihn mit Fragen; alle wollten wissen: Wie haben Sie das geschafft, den Wettlauf zu gewinnen? – Alle Kameras, Scheinwerfer und Mikros waren auf ihn gerichtet. Es wurde mucksmäuschenstill. Die Spannung stieg. Da zog der Siegerfrosch umständlich seine Ohrstöpsel heraus  und bat darum, die Frage zu wiederholen. Ein Raunen und ungläubiges Staunen ging durch den Menge. Der Sieger war taub beim Lauf … Der Siegerfrosch zog seine Jacke an und drehte sich um. Die Kamera schwenkte auf den Text, der auf dem Rücken stand: „Sei mutig und entschlossen. Fürchte dich nicht; und lass dich durch nichts erschrecken. Denn ich, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.“ (Josua 1,9). Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

Umwege

Pfarrer J. Schwartz, Lastrup

Liebe Leserinnen und Leser,

er sitzt am Fenster mit seinem Laptop, neben ihm ein Taschenkalender mit Adressverzeichnis. „Setzen Sie sich“, sagt er zu mir. Den Ständer mit dem Tropf schiebt er beiseite. „Es war nur eine kleine Attacke. Ich bin zur Beobachtung hier. Nichts Ernstes. Ein bisschen Arbeit habe ich mir mitgenommen; man kann sich ja nicht gehen lassen.“

Eine Woche später liegt er auf der Intensivstation. Als er mich sieht, lächelt er. „Es ist doch ernster. Sie haben einen Umweg um mein Herz gelegt. – Nun muss ich wohl auch einen Umweg nehmen.“ Er zeigt auf die Schläuche und Kabel. „Jetzt haben sie mich an die Kette gelegt“. Traurig und blass sieht er aus.

Mein Blick wandert, und ich entdecke eine Postkarte. „Lesen Sie ruhig. Die ist von meinen Kollegen aus der Firma.“ Ich lese: „Lieber Erhard, wir vermissen dich. Aber lass dir alle Zeit, um gesund zu werden. Wir brauchen dich. Deine Kollegen.“ Er strahlt über das ganze Gesicht. „Das tut richtig gut“, sagt er.

Die einen haben keine Arbeit, die anderen haben zu viel. Da gibt es Angst vor Unterbrechungen. Solange es noch geht, besteht kein Grund zum Innehalten, gibt es keinen Grund zur Pause. Es gibt noch so viel zu tun. Packen wir es an.

So sah es lange auch Erhard, bis es nicht mehr ging. „Jetzt bin ich an die Kette gelegt. Sie haben einen Umweg um mein Herz gelegt. Nun muss ich auch einen Umweg machen.“

Er musste wohl diesen Umweg gehen, um eine solche Postkarte mit diesen lieben Zeilen zu bekommen – Zeilen, die der Seele gut tun. Es gibt offensichtlich noch mehr als nur die Arbeit und die Verpflichtungen. So gibt es auch Gefühle. Zuneigung, Sympathie und Freundlichkeit gehören auch zu unserem Leben.

Manchmal ist eine Krankheit auch eine Chance zu einem Neubeginn und zu einer Änderung. Es gibt Hilfen für diese Änderung, lange vor dem Infarkt: Ein Gespräch mit einem Menschen meines Vertrauens, das Beten, ein Gottesdienst: das Hören auf alte Worte, die tragen und Mut geben – wie etwa Jesu Wort: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

Durch Mark und Bein

Pfarrer J. Schwartz, Lastrup

Der Schrei war so fürchterlich, so laut und so grässlich, so herzzerreißend und erschütternd, dass er mir durch „Mark und Bein“ ging.

Das Quietschen der Kreide auf der Tafel habe ich noch im Ohr, als ein Mitschüler zitternd die Aufgabe zu lösen versuchte.

Doch ich erinnere mich auch an den wohlig warmen Klang der Melodien, die die Gedanken in die Höhe mitnahmen; und an das liebe, fürsorgliche Lächeln und die helfende Hand mit den anteilnehmenden Worten am Krankenlager: „Schön, dass es dich noch gibt.“

Jeder und jede kennt Situationen, die einen – bis ins tiefste Innerste – erschüttern im Negativen oder auch im Positiven anregen; und wir erinnern uns an das Gefühl, wenn uns diese Gegebenheit dann durch „Mark und Bein“ geht: Ein Schauer läuft einem den Rücken herunter, entweder ein kalter oder ein wohlig warmer, oder wir bekommen Gänsehaut.

Das, was uns zur Redewendung geworden ist, stammt aus der Bibel. Dort geht „Gottes Wort“ durch „Mark und Bein“. Im Hebräerbrief heißt es: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein …“ (4,12).

Manchmal sind die biblischen Worte und Geschichten auch so: herausfordernd, ermutigend, entlarvend, wegweisend … – Es gibt Worte, die sind schön wie eine Melodie. Sie bringen etwas in uns zum Klingen. Sie berühren uns und bewegen uns. Und auch wenn die Worte verweht sind und die Silben verstummt, dann ist sie noch in uns, diese Melodie, uns begleitend und erfüllend, wo vorher nur Leere oder Stummheit waren oder Sorge und Gereiztheit oder ein Wust von Gedanken.

Es gibt Worte, die sind schön wie eine Melodie. Sie handeln nicht nur von Freude; sie handeln auch von Schmerz, von der Trauer darüber, nicht gelebt zu haben oder nicht leben zu können; von der Fröhlichkeit, da zu sein; von der Freude, auf dem Weg des Lebens zu sein – auch im Angesicht von Klage und Leid. Für mich selbst gehört Jesu Ruf dazu: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28).

Worte, die uns umwerben, uns gewinnen wollen. Es ist eine Einladung zum Leben; eine Melodie, die auf Zukunft hin verweist. Wir werden auf unsere Sehnsucht angesprochen … erlösend, befreiend, belebend. Ein wohliger Schauer läuft über den Rücken, ein Glücksgefühl breitet sich im Bauch aus … es geht eben durch „Mark und Bein“.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

Vier-Punkte-Programm

Pfarrer J. Schwartz, Lastrup

Liebe Leserinnen und Leser,

nein, keine weitere Neujahrsansprache, sondern vier Tipps für unser Leben, für unser Zusammensein in Familie und Gesellschaft und für unseren Umgang mit unserer „Mit-Welt“. Sie stammen von Erich Kästner, dem Schriftsteller, der „Emil und die Detektive“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und viele andere tolle Romane und Geschichten schrieb.

In all den Veränderungen braucht es Fixpunkte, von denen aus wir uns den Herausforderungen stellen, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten, denn: „Jeder kann es spüren, wann die Mitverantwortung neben ihn tritt und schweigend wartet, dass wir handeln, helfen, sprechen oder uns weigern oder gar empören – je nachdem. Und wenn wir es nicht fühlen, so müssen wir es eben lernen.“

Jedoch: Wie geht das – angesichts so vieler verschiedener, zum Teil einander widersprechender Meinungen? Erich Kästner erinnert an den alten Archimedes. Dieser suchte für die physikalische Welt einen festen Punkt, von dem aus er sich zutraute, die Welt aus den Angeln zu heben. Nun aber, so meint Kästner, käme es darauf an, die politische, wirtschaftliche, soziale und moralische Welt in die richtigen Angeln hinein zu heben.

Und er benennt dafür „vier archimedische Punkte“.

Erstens. Jeder Mensch höre auf sein Gewissen. Denn das Gewissen ist wie eine Uhr, deren Ticken man zwar überhören kann, die aber meistens richtig geht.

Zweitens. Jeder Mensch suche sich Vorbilder. Einen Menschen, der im richtigen Augenblick gesagt und getan hat, wovor wir manchmal zögern.

Drittens. Jeder Mensch erinnere sich seiner Kindheit. Sich ihrer zu erinnern, heißt nämlich, ohne lange überlegen zu müssen, was gut und böse, was echt und falsch ist.

Viertens. Jeder Mensch erwerbe sich Humor. „Der Humor … lehrt uns die wahre Größenordnung und die gültige Perspektive. Er macht die Erde zu einem kleinen Stern, die Weltgeschichte zu einem Atemzug und uns selber bescheiden.“

Diese Empfehlungen von Erich Kästner atmen biblischen Geist: Das Gewissen als Kompass; das rechte Wort zur rechten Zeit; die Vergewisserung, was gut und böse ist; und schließlich der heitere Abstand zu sich selbst.

Das sind, wie ich meine, gute Wegweiser, an denen wir uns orientieren können – wie an dem von Gott gesandten Stern in dunkler Nacht. – Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

Karotten, Eier  und Kaffeebohnen – Über den Umgang mit Problemen

Pfarrer J. Schwartz, Lastrup

Die Haustür knallte. Der Rucksack flog in die Ecke unter der Treppe. Stampfend und wutschnaubend kam er in die Küche. „Die sind doof. Das Leben ist ungerecht. Das ist mir alles zu viel“, so brach es aus ihm heraus.

Sie setzte sich zu ihm, hörte zu und versuchte, ihn zu trösten. Doch es gelang nicht.

Da nahm sie drei gleich große Töpfe, füllte sie halbvoll mit Wasser, stellte alle auf den Herd und brachte alle zum Kochen. Dann füllte sie den einen Topf mit Karotten und den zweiten mit Eiern; das heiße Wasser aus dem dritten Topf schüttete sie in ein Gefäß mit gemahlenen Kaffeebohnen. Nach einiger Zeit schüttete sie die Karotten durch ein Sieb, holte die Eier heraus und füllte den Kaffee in eine große Tasse. Sie fragte ihr Gegenüber: „Was siehst du?“

Er sagte: „Karotten, Eier und Kaffee.“ Sie forderte ihn auf: „Nun nimm die Karotten in deine Hand und fühle sie. Anschließend schäle die Eier und nimm diese in die Hand und sag mir, was du gefühlt hast.“ Nachdem er es gemacht hatte, sagte er: „Während die Karotten weich sind, sind die Eier hart.“ Sie forderte ihn nun auf, einen Schluck Kaffee zu trinken.

Er tat es. Auch wenn ihm dieser sehr schmeckte, fragte er, immer noch gestresst von den vorherigen Erlebnissen: „Was soll das?“

Sie sagte: „Sowohl die Karotten als auch die Eier und der Kaffee waren im heißen Wasser. Jedoch haben alle darauf ganz unterschiedlich reagiert. Die Karotten waren anfangs hart und wurden durch das heiße Wasser weich. Die ungekochten Eier sind zerbrechlich und innen weich; nach dem Wasserbad wurden sie hart. Der gemahlene Kaffee hat sich aufgelöst und das Wasser in aromatischen Kaffee verwandelt.“

„Ja, und?“, fragte er ein wenig genervt zurück.

„Schau“, sagte sie: „Die Frage lautet: Wie gehst du mit Problemen um? Wie eine Karotte, wie ein Ei oder wie eine Kaffeebohne? Verhältst du dich wie eine Karotte, die zuerst stark zu sein scheint; aber wenn sie mit Problemen in Berührung kommt, weich wird und ihre Stärke verliert? – Oder reagierst Du wie die Eier? Du hast ein weiches Herz, das allmählich versteinert und ganz hart wird, wenn Probleme auftauchen. – Oder ähnelst Du den Kaffeebohnen, die das heiße Wasser nutzen, um es in Kaffee zu verwandeln?

Hab einen anderen Blick auf die Dinge. Sieh die Probleme als Chance, um daraus etwas Neues zu machen.“

Er schaute sie lange an, dann lächelte er und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Übrigens: diesen Tipp habe ich von dem Apostel Paulus; er schrieb: „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird.“ (Römer 12,2). – Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

 

Ich will einen ewigen Bund mit meinem Volk schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun. Jeremia 32, 40

Pfr. J. Prunzel

Liebe Lesende,

diese Worte Gottes an sein erwähltes Volk, die Israeliten, sind ja wohl ein gewaltiges Versprechen! Ewig, nicht ablassen, Gutes tun. Drei unglaublich erstrebenswerte Lebensaspekte. Wer mag dann verzagen, wenn das Leben einmal richtig hart zu einem ist? Es gibt ja Grund genug, sich wieder aufzurichten.

Als ich in der vergangenen Woche die Berichte über die Anschläge in Halle und Umgebung erfahren habe, dachte ich: Wie viel Mut und Gottvertrauen hatten die Vorfahren der jüdischen Menschen, die dort angegriffen worden sind. Nach den Erfahrungen der Überlebenden jüdischen Menschen unter den vermeintlichen Christen in Deutschland im vorigen Jahrhundert, sind sie geblieben oder wieder zurückgekehrt. Versöhnung, trotz allem nur zu berechtigten Misstrauen, das war ihre Motivation.

An Jom Kippur, dem großen Tag der Versöhnung zwischen Gott und Menschen, der in Halle und allen anderen Synagogen gefeiert  wurde, versucht man mit Gewalt Juden in Deutschland zu ermorden! Da gibt es keine Rechtfertigung und kein Argument zugunsten des Täters. Wie viel Glück – oder Schutz einer höheren Macht – hat den Tod von mehr als zwei sinnlos ausgelöschten Leben verhindert.

Wer von uns denkt, dass hier nur ein irrer Einzeltäter am Werke war, der täuscht sich gewaltig. Seit 75 Jahren ist der Ungeist der Antisemiten in Deutschland nie beendet gewesen. Genau deshalb laufen ihm auch wieder Unzählige nach. Nahrung bekommen sie inzwischen von politischen Parteien, die nichts aus der Vergangenheit lernen wollen. Und die – welche Schande für dieses Land – massenhaft gewählt werden.

Wer Juden wegen ihres Glaubens verfolgt, hat mit Gottes Wahrheit nicht zu tun und kein Recht, sich Christ zu nennen. PUNKT.

Und wer die Bibel richtig versteht, weiß, dass wir Christen die Adoptivkinder in dem großen Volke Gottes sind. Dazugezählt durch die Gnade Christi alleine. Wie unsinnig ist da jeder Hass auf Gottes erwähltes Volk.

Am 19. Oktober 1945, heute vor 74 Jahren, hat die evangelische Kirche in Deutschland zu diesem Thema eine Schulderklärung abgegeben. Wörtlich heißt es da: “aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Christinnen und Christen haben um Gottes Willen die Pflicht sich lautstark und mutig zu Wort zu melden, wo der Ungeist des Judenhasses sich regt.

Und warum das so ist, das lesen wir bei einem der klügsten Dichter, die unser Land hervorgebracht hat, Bertold Brecht:

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt‘ einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Wachsamkeit und mutiges Bekennen als Gottes geliebtes Volk der Juden und Christen ist Gottes großer Wunsch an uns, uns zum Segen und Ihm zur Ehre.

Joachim Prunzel, Pfarrer in Friesoythe