Geistlicher Impuls

Hast du einen Moment Zeit?

Pfarrerin Martina Wittkowski

Als ich zwischendurch mal auf das Display meines Mobiltelefons schaue, steht da diese Frage: „Martina, hast Du einen Moment Zeit?“ – Absenderin ist meine neue App. Den Ton habe ich nicht aktiviert.

Meine Freundin kann sich für meine Neuentdeckung nicht begeistern. Dabei wird sie durch ihre Fitness-Uhr auch ab und an erinnert: Es wird Zeit, sich wieder zu bewegen!

Bei meiner App geht es nicht um körperliche Fitness oder um Ernährungstipps. „Hast Du einen Moment Zeit?“ Es geht darum, für einen Moment den Alltag zu unterbrechen. Mir Zeit zu nehmen. Die App überrascht mich jeden Tag mit einer neuen Frage, die mich ins Nachdenken bringt. Manchmal fällt mir die passende Antwort sofort spontan ein. Manchmal ploppt die Frage aus dem Gedächtnis immer wieder auf, und ich denke zwischendurch auf ihr herum.

Einmal ist es amüsant, der Frage nachzugehen. Ein anderes Mal werden meine Gedanken auf ernstere Gefilde geführt.

In jedem Fall tut es gut, aus dem Abarbeiten der alltäglichen To-Do-Liste herausgerissen zu werden. Abstand zu gewinnen, wenn auch nur kurz. Etwas Anderes, Größeres zu bedenken. Das ist wie einmal kurz das Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen und den Blick zu weiten.

Die Frage aus dem „Off“, die mich irgendwann zu verschiedenen Zeiten des Tages erreicht, sie erinnert mich mitten im Alltagsgeschäft daran: Es gibt Wichtigeres als die nervenaufreibenden organisatorischen Dinge, die mich gerade beschäftigen. Es gibt Größeres als die kleinen Vorhaben, die für mich heute im Mittelpunkt stehen. Alles, was zu meiner Arbeit und zu meinem Leben gehört, steht in einem größeren Zusammenhang.

Manchmal wird in der Frage, die mir gestellt wird, Gott erwähnt. Das macht mir bewusst: Alles, was ich denke, fühle und erlebe, hat mit Gott zu tun. „Martina hast du einen Moment Zeit?“

Mir mitten im Alltag einen Moment Zeit zu nehmen, für mich und die großen Linien meines Lebens. Zeit auch für Gott. Darin übe ich mich mit dieser App.

Sie nennt sich „XCRS-Workout“ für die Seele – XRCS das steht für „excercise“, Übung.

Sie ist eine Art Fitness-Programm. Fitness für die Seele. Meine App erinnert mich daran: Es wird Zeit, Atem zu holen. Damit ich mich selbst im Kleinklein des Alltags nicht verliere. Damit ich das Große Ganze im Blick behalte. Damit der Kontakt zu Gott bleibt.

Martina Wittkowski, Pfarrerin an der Trinitatiskirche Löningen

 

Zielorientiert handeln

Liebe Leserinnen und Leser!

Wie schaffen wir es, unser Ziel zu erreichen? Das, was wir uns vorgenommen haben, was wir uns ersehnen: einen guten Abschluss in der Schule, die Fertigstellung eines Projektes oder …? – Eine kleine Geschichte hilft dabei.

Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten. Um es besonders schwierig zu machen, legten sie fest: Gewinner sei derjenige, der den Balkon von dem höchsten Schlossturm als Erster erreiche. Am Tag des Wettlaufes versammelten sich viele weitere Frösche in der Nähe des Schlossteiches, um zuzusehen. Endlich ging es los.
Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte, dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das Ziel erreichen könne. Statt die Läufer anzufeuern, riefen sie: „Oje, die Armen! Sie werden es niemals schaffen!”; andere sagten: „Das ist einfach unmöglich!”, und wieder andere schüttelten nur den Kopf und sagten: „Das schafft Ihr nie!”

Und tatsächlich schien es so, als sollte das Publikum Recht behalten, weil nach und nach immer mehr Frösche aufgaben. Das Publikum schrie weiter: „Oje, die Armen! Sie werden es niemals schaffen!” Und wirklich: bald gaben alle Frösche auf … alle, bis auf einen einzigen. Dieser versuchte unverdrossen, an dem steilen Turm hinauf zu kletterten. Einige im Publikum amüsierten sich, andere schüttelten erneut den Kopf über so viel Uneinsichtigkeit.

Doch dann … geschah es: Der Frosch erreichte als einziger das Ziel.
Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert. Wie war das möglich?!

Nachdem der Siegerfrosch wieder unten war, stürmte eine ganze Schar von Froschreportern auf ihn zu und überhäufte ihn mit Fragen; alle wollten wissen: Wie haben Sie das geschafft, den Wettlauf zu gewinnen? – Alle Kameras, Scheinwerfer und Mikros waren auf ihn gerichtet. Es wurde mucksmäuschenstill. Die Spannung stieg. Da zog der Siegerfrosch umständlich seine Ohrstöpsel heraus  und bat darum, die Frage zu wiederholen. Ein Raunen und ungläubiges Staunen ging durch den Menge. Der Sieger war taub beim Lauf … Der Siegerfrosch zog seine Jacke an und drehte sich um. Die Kamera schwenkte auf den Text, der auf dem Rücken stand: „Sei mutig und entschlossen. Fürchte dich nicht; und lass dich durch nichts erschrecken. Denn ich, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.“ (Josua 1,9). Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

 

Umwege

Liebe Leserinnen und Leser,

er sitzt am Fenster mit seinem Laptop, neben ihm ein Taschenkalender mit Adressverzeichnis. „Setzen Sie sich“, sagt er zu mir. Den Ständer mit dem Tropf schiebt er beiseite. „Es war nur eine kleine Attacke. Ich bin zur Beobachtung hier. Nichts Ernstes. Ein bisschen Arbeit habe ich mir mitgenommen; man kann sich ja nicht gehen lassen.“

Eine Woche später liegt er auf der Intensivstation. Als er mich sieht, lächelt er. „Es ist doch ernster. Sie haben einen Umweg um mein Herz gelegt. – Nun muss ich wohl auch einen Umweg nehmen.“ Er zeigt auf die Schläuche und Kabel. „Jetzt haben sie mich an die Kette gelegt“. Traurig und blass sieht er aus.

Mein Blick wandert, und ich entdecke eine Postkarte. „Lesen Sie ruhig. Die ist von meinen Kollegen aus der Firma.“ Ich lese: „Lieber Erhard, wir vermissen dich. Aber lass dir alle Zeit, um gesund zu werden. Wir brauchen dich. Deine Kollegen.“ Er strahlt über das ganze Gesicht. „Das tut richtig gut“, sagt er.

Die einen haben keine Arbeit, die anderen haben zu viel. Da gibt es Angst vor Unterbrechungen. Solange es noch geht, besteht kein Grund zum Innehalten, gibt es keinen Grund zur Pause. Es gibt noch so viel zu tun. Packen wir es an.

So sah es lange auch Erhard, bis es nicht mehr ging. „Jetzt bin ich an die Kette gelegt. Sie haben einen Umweg um mein Herz gelegt. Nun muss ich auch einen Umweg machen.“

Er musste wohl diesen Umweg gehen, um eine solche Postkarte mit diesen lieben Zeilen zu bekommen – Zeilen, die der Seele gut tun. Es gibt offensichtlich noch mehr als nur die Arbeit und die Verpflichtungen. So gibt es auch Gefühle. Zuneigung, Sympathie und Freundlichkeit gehören auch zu unserem Leben.

Manchmal ist eine Krankheit auch eine Chance zu einem Neubeginn und zu einer Änderung. Es gibt Hilfen für diese Änderung, lange vor dem Infarkt: Ein Gespräch mit einem Menschen meines Vertrauens, das Beten, ein Gottesdienst: das Hören auf alte Worte, die tragen und Mut geben – wie etwa Jesu Wort: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

Durch Mark und Bein

Der Schrei war so fürchterlich, so laut und so grässlich, so herzzerreißend und erschütternd, dass er mir durch „Mark und Bein“ ging.

Das Quietschen der Kreide auf der Tafel habe ich noch im Ohr, als ein Mitschüler zitternd die Aufgabe zu lösen versuchte.

Doch ich erinnere mich auch an den wohlig warmen Klang der Melodien, die die Gedanken in die Höhe mitnahmen; und an das liebe, fürsorgliche Lächeln und die helfende Hand mit den anteilnehmenden Worten am Krankenlager: „Schön, dass es dich noch gibt.“

Jeder und jede kennt Situationen, die einen – bis ins tiefste Innerste – erschüttern im Negativen oder auch im Positiven anregen; und wir erinnern uns an das Gefühl, wenn uns diese Gegebenheit dann durch „Mark und Bein“ geht: Ein Schauer läuft einem den Rücken herunter, entweder ein kalter oder ein wohlig warmer, oder wir bekommen Gänsehaut.

Das, was uns zur Redewendung geworden ist, stammt aus der Bibel. Dort geht „Gottes Wort“ durch „Mark und Bein“. Im Hebräerbrief heißt es: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein …“ (4,12).

Manchmal sind die biblischen Worte und Geschichten auch so: herausfordernd, ermutigend, entlarvend, wegweisend … – Es gibt Worte, die sind schön wie eine Melodie. Sie bringen etwas in uns zum Klingen. Sie berühren uns und bewegen uns. Und auch wenn die Worte verweht sind und die Silben verstummt, dann ist sie noch in uns, diese Melodie, uns begleitend und erfüllend, wo vorher nur Leere oder Stummheit waren oder Sorge und Gereiztheit oder ein Wust von Gedanken.

Es gibt Worte, die sind schön wie eine Melodie. Sie handeln nicht nur von Freude; sie handeln auch von Schmerz, von der Trauer darüber, nicht gelebt zu haben oder nicht leben zu können; von der Fröhlichkeit, da zu sein; von der Freude, auf dem Weg des Lebens zu sein – auch im Angesicht von Klage und Leid. Für mich selbst gehört Jesu Ruf dazu: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28).

Worte, die uns umwerben, uns gewinnen wollen. Es ist eine Einladung zum Leben; eine Melodie, die auf Zukunft hin verweist. Wir werden auf unsere Sehnsucht angesprochen … erlösend, befreiend, belebend. Ein wohliger Schauer läuft über den Rücken, ein Glücksgefühl breitet sich im Bauch aus … es geht eben durch „Mark und Bein“.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

Vier-Punkte-Programm

Liebe Leserinnen und Leser,

nein, keine weitere Neujahrsansprache, sondern vier Tipps für unser Leben, für unser Zusammensein in Familie und Gesellschaft und für unseren Umgang mit unserer „Mit-Welt“. Sie stammen von Erich Kästner, dem Schriftsteller, der „Emil und die Detektive“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und viele andere tolle Romane und Geschichten schrieb.

In all den Veränderungen braucht es Fixpunkte, von denen aus wir uns den Herausforderungen stellen, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten, denn: „Jeder kann es spüren, wann die Mitverantwortung neben ihn tritt und schweigend wartet, dass wir handeln, helfen, sprechen oder uns weigern oder gar empören – je nachdem. Und wenn wir es nicht fühlen, so müssen wir es eben lernen.“

Jedoch: Wie geht das – angesichts so vieler verschiedener, zum Teil einander widersprechender Meinungen? Erich Kästner erinnert an den alten Archimedes. Dieser suchte für die physikalische Welt einen festen Punkt, von dem aus er sich zutraute, die Welt aus den Angeln zu heben. Nun aber, so meint Kästner, käme es darauf an, die politische, wirtschaftliche, soziale und moralische Welt in die richtigen Angeln hinein zu heben.

Und er benennt dafür „vier archimedische Punkte“.

Erstens. Jeder Mensch höre auf sein Gewissen. Denn das Gewissen ist wie eine Uhr, deren Ticken man zwar überhören kann, die aber meistens richtig geht.

Zweitens. Jeder Mensch suche sich Vorbilder. Einen Menschen, der im richtigen Augenblick gesagt und getan hat, wovor wir manchmal zögern.

Drittens. Jeder Mensch erinnere sich seiner Kindheit. Sich ihrer zu erinnern, heißt nämlich, ohne lange überlegen zu müssen, was gut und böse, was echt und falsch ist.

Viertens. Jeder Mensch erwerbe sich Humor. „Der Humor … lehrt uns die wahre Größenordnung und die gültige Perspektive. Er macht die Erde zu einem kleinen Stern, die Weltgeschichte zu einem Atemzug und uns selber bescheiden.“

Diese Empfehlungen von Erich Kästner atmen biblischen Geist: Das Gewissen als Kompass; das rechte Wort zur rechten Zeit; die Vergewisserung, was gut und böse ist; und schließlich der heitere Abstand zu sich selbst.

Das sind, wie ich meine, gute Wegweiser, an denen wir uns orientieren können – wie an dem von Gott gesandten Stern in dunkler Nacht. – Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

 

Besondere Momente im Advent

Pfarrerin Wittkowski

„Warum tut man sich das nur jedes Jahr wieder an!“ stöhnt die Frau neben mir am Glühweinstand. Was für ein Gedränge am Samstagabend auf dem Weihnachtsmarkt in Lübeck! Doch: Der Glühwein, er schmeckt. Und dann noch: Die Fahrt mit dem Riesenrad und der weite Blick über die erleuchtete Innenstadt! Und: In der Jakobikirche, die wir uns ansehen, ist auf einmal eine wunderschöne mehrstimmige Melodie zu hören. Vier Frauen singen spontan in der Kirche ein englisches Lied. Es geht um Maria und ihr Kind. Ich verstehe den Inhalt nicht genau. Aber anrührend ist es. Diese besonderen Erlebnisse auf dem Weihnachtsmarkt, sie bleiben mir im Gedächtnis.

Mitten im Trubel, im Konsumrausch und in der inszenierten Stimmung der Adventszeit die berührenden Momente entdecken und festhalten – darum könnte es gehen. „Und doch kennt jeder die Momente, in denen fernab vom Kopf irgendwas im Herzen geschieht. Ich wünschte, jemand schrieb darüber mal ein neues Weihnachtslied. … Frei von überhöhtem Kitsch und heiligem Ballast ein neues Weihnachtslied, das ein unfassbares Gefühl in schlichte Worte fasst…“ so singt das A-Capella-Pop-Quartett Maybebop. Angedeutet haben sie’s schon, dies neue Weihnachtslied.

Weihnachten ist unfassbar – und schlicht! Ein Strohhalm in der Hosentasche reicht, um mich daran zu erinnern: Gott kommt in mein Leben. Er kommt nicht nur, wenn die Stimmung stimmt. Wenn alles perfekt vorbereitet ist. Gott kommt einfach. Weil jeder von uns ihm wichtig ist.

Die besonderen Momente der Adventszeit, sie helfen mir zu spüren: Es gibt mehr als all das, was ich und andere vom Advent erwarten. Gott kommt unerwartet, unfassbar und schlicht.

Vielleicht gerade dann, wenn ich meinen Glühwein genieße und mich meines Lebens freue: Einen kleinen Moment Dankbarkeit spüre. Vielleicht, wenn ich im Riesenrad über allen Kleinigkeiten schwebe, die mir im Leben soviel Kraft rauben: Mein Leben steht vor einem größeren Horizont. Vielleicht, wenn Musik mich berührt und ich sie vor mir sehe, Maria und ihr Kind. In ihm ist Gott da.

Martina Wittkowski, Pfarrerin an der Trinitatiskirche Löningen

 

Alles Gute zum Neuen Jahr

„Alles Gute zum Neuen Jahr!“

Auch heute  werden im Gottesdienst einige Besucher bei diesem Wunsch fragend schauen:

Nanu, habe ich etwas verpasst?

Das Neue Jahr beginnt doch noch gar nicht.

Wir haben noch nicht Neujahr.

Doch!

Der heutige Tag ist so etwas wie Neujahr.

Mit dem heutigen 1. Advent beginnt ein neues Kirchenjahr.

Die Adventszeit will uns auf Weihnachten vorbereiten.

Sie will uns einstimmen auf das große Fest.

Advent bedeutet „Ankunft“.

So beginnt das neue Kirchenjahr mit einer guten Zusage:

Sieh, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Diese Worte aus dem Propheten Sacharja (Kap.9, Vers 9) machen Mut.

Dein König kommt.

Es ist der König, zu dem wir alle gehören seit unserer Taufe.

Dieser himmlische König ist Jesus.

Und er kommt.

Zu jedem und jeder Einzelnen.

Nicht irgendein König kommt.

Sondern unser göttlicher, himmlischer König kündigt sein Kommen an.

Er kommt zu uns.

Wann immer wir in seinem Namen versammelt sind.

Ihn in unseren Gottesdiensten loben und preisen.

Er kommt zu uns.

Irgendwann, am Ende aller Zeiten.

Bis dahin kommt dieser König immer wieder zu uns.

Zu Weihnachten erinnern wir uns an seine Geburt.

Dieser König möchte jeden Tag bei uns ankommen, nicht nur zu Weihnachten.

Er bleibt kein Kind in der Krippe.

Er wird erwachsen.

Als Erwachsener möchte er Gutes für die Menschen.

Er möchte ankommen in unserem Leben.

In unserem Leben mit allen Freuden.

Aber auch mit allem, was schwer ist.

Er möchte, dass wir ihm unsere Herzen öffnen.

Uns von seinem tröstenden Wort stärken lassen.

Er möchte, dass wir im Vertrauen auf ihn unser Leben bestreiten.

Sieh, dein König kommt zu dir.

Öffne deine Augen für seine Gegenwart.

Schau auf ihn!

Er will dir helfen.

Wo du Unrecht erleidest, wird er für dich sorgen.

Damit du auf neuen Wegen gehen kannst.

Wo du Fehler machst, vergibt er dir.

Sieh, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Darauf dürfen wir uns verlassen!

In diesem Sinne grüßen wir Sie zum neuen Kirchenjahr und  wünschen  Ihnen:

Alles Gute zum Neuen Jahr!

Ihre Eva Hachmeister-Uecker und Michael Uecker,

Pfarrerehepaar aus Essen

 

Versteckspiele

Michael Braun, Kreispfarrer

Wenn man etwas richtig gut verstecken möchte, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man versteckt eine Sache unter möglichst vielen gleichen Sachen –  wie die Nadel im Nadelhaufen, den Baum im Wald oder das neuste Lieblingsspielzeug im Spielzeugchaos des Kinderzimmers.  Oder man versteckt eine Sache im krassen Gegenteil – wie die Nadel im Heuhaufen, das Goldstück im Schlamm oder das neue Schulbuch im Chaos des Kinderzimmers. In beiden Fällen hat man gute Chancen, das versteckte Ding erst nach langem Suchen wieder zu finden, wenn überhaupt.

Immer wieder suchen wir Menschen für uns selbst das perfekte Leben, paradiesische Zustände. Die Bibel nennt dies das Reich Gottes, einen Ort ohne Hass, Gewalt, Neid oder Angst.  Doch kaum jemand findet es. Gottes Reich scheint zu gut versteckt zu sein. Dabei behaupteten die einen, dass ein solches Paradies sich nicht finden lassen würde, weil das Gegenteil es zu gut verbergen würde –  viel zu viel Krieg, Elend, Grausamkeit und Schrecken. Andere dagegen sind der Meinung, dass man Gottes Reich nicht mehr finden könne, weil es den Menschen längst viel zu gut gehen würde und sie es vor lauter Wohlstand und Zufriedenheit übersehen.

Vielleicht sind beide Betrachtungsweisen ein Stück weit richtig. Unsere Welt kennt extreme Gegensätze. Menschen leben in tiefstem Elend und großem Luxus, unter schlimmsten Bedrohungen und hoher Sicherheit, in Unterdrückung und Freiheit – manchmal nur ein paar Kilometer oder Flugstunden voneinander entfernt.

Doch das müsste uns nicht davon abhalten, das Reich Gottes zu suchen und zu finden.  „Denn sehet das Reich Gottes ist mitten unter euch (Lukas 17, 21b), verspricht Christus.

Sicher muss man aufmerksam sein, um die Menschen zu sehen und nicht selbstverständlich zu nehmen, die einem jeden Tag viel Gutes tun. Sicher kostet es Kraft, selber für andere Menschen da zu sein und ihnen Nächstenliebe zu schenken. Aber genau das sind die wertvollen Momente des Lebens, wenn man Gottes Reich erkennen und seinen Segen spüren und weiterschenken kann.

Michael Braun, Kreispfarrer Oldenburger Münsterland

Karotten, Eier  und Kaffeebohnen – Über den Umgang mit Problemen

Die Haustür knallte. Der Rucksack flog in die Ecke unter der Treppe. Stampfend und wutschnaubend kam er in die Küche. „Die sind doof. Das Leben ist ungerecht. Das ist mir alles zu viel“, so brach es aus ihm heraus.

Sie setzte sich zu ihm, hörte zu und versuchte, ihn zu trösten. Doch es gelang nicht.

Da nahm sie drei gleich große Töpfe, füllte sie halbvoll mit Wasser, stellte alle auf den Herd und brachte alle zum Kochen. Dann füllte sie den einen Topf mit Karotten und den zweiten mit Eiern; das heiße Wasser aus dem dritten Topf schüttete sie in ein Gefäß mit gemahlenen Kaffeebohnen. Nach einiger Zeit schüttete sie die Karotten durch ein Sieb, holte die Eier heraus und füllte den Kaffee in eine große Tasse. Sie fragte ihr Gegenüber: „Was siehst du?“

Er sagte: „Karotten, Eier und Kaffee.“ Sie forderte ihn auf: „Nun nimm die Karotten in deine Hand und fühle sie. Anschließend schäle die Eier und nimm diese in die Hand und sag mir, was du gefühlt hast.“ Nachdem er es gemacht hatte, sagte er: „Während die Karotten weich sind, sind die Eier hart.“ Sie forderte ihn nun auf, einen Schluck Kaffee zu trinken.

Er tat es. Auch wenn ihm dieser sehr schmeckte, fragte er, immer noch gestresst von den vorherigen Erlebnissen: „Was soll das?“

Sie sagte: „Sowohl die Karotten als auch die Eier und der Kaffee waren im heißen Wasser. Jedoch haben alle darauf ganz unterschiedlich reagiert. Die Karotten waren anfangs hart und wurden durch das heiße Wasser weich. Die ungekochten Eier sind zerbrechlich und innen weich; nach dem Wasserbad wurden sie hart. Der gemahlene Kaffee hat sich aufgelöst und das Wasser in aromatischen Kaffee verwandelt.“

„Ja, und?“, fragte er ein wenig genervt zurück.

„Schau“, sagte sie: „Die Frage lautet: Wie gehst du mit Problemen um? Wie eine Karotte, wie ein Ei oder wie eine Kaffeebohne? Verhältst du dich wie eine Karotte, die zuerst stark zu sein scheint; aber wenn sie mit Problemen in Berührung kommt, weich wird und ihre Stärke verliert? – Oder reagierst Du wie die Eier? Du hast ein weiches Herz, das allmählich versteinert und ganz hart wird, wenn Probleme auftauchen. – Oder ähnelst Du den Kaffeebohnen, die das heiße Wasser nutzen, um es in Kaffee zu verwandeln?

Hab einen anderen Blick auf die Dinge. Sieh die Probleme als Chance, um daraus etwas Neues zu machen.“

Er schaute sie lange an, dann lächelte er und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Übrigens: diesen Tipp habe ich von dem Apostel Paulus; er schrieb: „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird.“ (Römer 12,2). – Bleiben Sie behütet.

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und in Lindern.

Alleine

Michael Braun, Kreispfarrer

Am kommenden Donnerstag feiern wir Reformationstag. Allein aus Glauben, werden wir Menschen vor Gott gerecht. Das erkannte damals Martin Luther.  Mehr ist nicht nötig, eins alleine.

Das ist ungewöhnlich, denn nur sehr selten in unserem Leben richten wir uns nur nach einer Sache alleine. In der Regel bestimmen viele Faktoren unseren Taten und Entscheidungen. Was sagen andere Menschen dazu? Habe ich das notwendige Geld? Gefällt  mir etwas auch auf den zweiten oder dritten Blick? Wie anstrengend ist die Sache wirklich? Habe ich auch morgen noch Spaß daran? Was sagt die Gesundheit dazu?

Häufig ist es weise, dass man alle Aspekte abwägt, bevor man sich in schwierigen Fragen gut entscheidet, Manchmal ist das aber auch grundfalsch.

Mit Schrecken sehen wir zu, wie in Syrien der Krieg erneut aufflammt. Menschen sterben, Tausende müssen fliehen und Elend und Not verschlimmern sich noch mehr. Aber niemand greift entschieden ein; auch wir nicht, weil neben dem Elend und Leid von Menschen viele Überlegungen unser Handeln bestimmen: Internationale Beziehungen, Erdöl, die Kosten eines Militäreinsatzes, das Verhältnis zur Türkei, Russland, China und den USA, die Sorge vor einem erneuten Terror des sogenannten Islamischen Staates und Überlegungen zu weiteren Flüchtlingen. Mich beschämt all das, weil wir durch unser Zögern mit dem Leben von Menschen spielen und sie dem Schrecken der Gewalt aussetzen.

Denn manche Werte stehen hoch über allen anderen und sollten immer Vorrang haben. Diese Werte haben ein Alleinstellungsmerkmal. Dazu gehören für mich Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei (1. Korinther 13, 13), die es nicht nur für Syrien dringend bräuchte.

Manche Werte sollten unantastbar sein und Vorrang haben; sie sollten alleine so wichtig sein, dass sie ausreichen, um das Richtige zu tun.

 

Michael Braun, Kreispfarrer Oldenburger Münsterland

 

Ich will einen ewigen Bund mit meinem Volk schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun. Jeremia 32, 40

Liebe Lesende,

diese Worte Gottes an sein erwähltes Volk, die Israeliten, sind ja wohl ein gewaltiges Versprechen! Ewig, nicht ablassen, Gutes tun. Drei unglaublich erstrebenswerte Lebensaspekte. Wer mag dann verzagen, wenn das Leben einmal richtig hart zu einem ist? Es gibt ja Grund genug, sich wieder aufzurichten.

Als ich in der vergangenen Woche die Berichte über die Anschläge in Halle und Umgebung erfahren habe, dachte ich: Wie viel Mut und Gottvertrauen hatten die Vorfahren der jüdischen Menschen, die dort angegriffen worden sind. Nach den Erfahrungen der Überlebenden jüdischen Menschen unter den vermeintlichen Christen in Deutschland im vorigen Jahrhundert, sind sie geblieben oder wieder zurückgekehrt. Versöhnung, trotz allem nur zu berechtigten Misstrauen, das war ihre Motivation.

An Jom Kippur, dem großen Tag der Versöhnung zwischen Gott und Menschen, der in Halle und allen anderen Synagogen gefeiert  wurde, versucht man mit Gewalt Juden in Deutschland zu ermorden! Da gibt es keine Rechtfertigung und kein Argument zugunsten des Täters. Wie viel Glück – oder Schutz einer höheren Macht – hat den Tod von mehr als zwei sinnlos ausgelöschten Leben verhindert.

Wer von uns denkt, dass hier nur ein irrer Einzeltäter am Werke war, der täuscht sich gewaltig. Seit 75 Jahren ist der Ungeist der Antisemiten in Deutschland nie beendet gewesen. Genau deshalb laufen ihm auch wieder Unzählige nach. Nahrung bekommen sie inzwischen von politischen Parteien, die nichts aus der Vergangenheit lernen wollen. Und die – welche Schande für dieses Land – massenhaft gewählt werden.

Wer Juden wegen ihres Glaubens verfolgt, hat mit Gottes Wahrheit nicht zu tun und kein Recht, sich Christ zu nennen. PUNKT.

Und wer die Bibel richtig versteht, weiß, dass wir Christen die Adoptivkinder in dem großen Volke Gottes sind. Dazugezählt durch die Gnade Christi alleine. Wie unsinnig ist da jeder Hass auf Gottes erwähltes Volk.

Am 19. Oktober 1945, heute vor 74 Jahren, hat die evangelische Kirche in Deutschland zu diesem Thema eine Schulderklärung abgegeben. Wörtlich heißt es da: “aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Christinnen und Christen haben um Gottes Willen die Pflicht sich lautstark und mutig zu Wort zu melden, wo der Ungeist des Judenhasses sich regt.

Und warum das so ist, das lesen wir bei einem der klügsten Dichter, die unser Land hervorgebracht hat, Bertold Brecht:

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt‘ einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Wachsamkeit und mutiges Bekennen als Gottes geliebtes Volk der Juden und Christen ist Gottes großer Wunsch an uns, uns zum Segen und Ihm zur Ehre.

Joachim Prunzel, Pfarrer in Friesoythe

Zugehörigkeit

Michael Braun, Kreispfarrer

Nie sind wir Menschen allein, im Gegenteil, mit oder ohne Absicht sind wir Teil einer Vielzahl von Gruppen. Wir sind Mitglieder in Vereinen und Musikgruppen, BewohnerIn eines bestimmten Ortes, wählen eine Partei, engagieren uns sozial oder gesellschaftlich, sind für oder gegen bestimmte Fernsehsendungen, unterstützen einen Förderverein oder Brot für die Welt und nutzen die Angebote bestimmter Banken, Geschäfte, Lokale oder Internetportale. Wir gehören dazu – viel häufiger als wir glauben.

Natürlich zeigen wir unsere Zugehörigkeit nicht offen. Das ist heutzutage verpönt. Nur die wenigsten Menschen hängen die Fahne ihres Fußballvereins vor die Tür; kaum jemand erzählt, welche Partei sie wählt oder das er statt vor Ort  im Internet einkauft. Man möchte sich nicht so gerne in eine bestimmte Schublade stecken lassen oder als unaufrichtig gelten, wenn unser Verhalten nicht immer zu den Gruppen passt, zu denen wir gehören wollen.

So kommt es vor,  dass fast jeder für die Umwelt ist, aber dennoch viele den Motor laufen lassen, wenn sie bei Kälte vor dem Geschäft auf den Partner warten. Wir sind für Gesundheit, aber rauchen weiter und essen zu viel.  Wir sind gegen Krieg und Gewalt in der Welt, aber nur begrenzt bereit von unserem Wohlstand abzugeben, um woanders wirkungsvoll zu helfen.

 Wir gehören bei vielem dazu, aber sind längst nicht immer mit vollem Herzen dabei.

Das findet sich auch bei Kirche. Die Anzahl der Gemeindeglieder unterscheidet sich deutlich von der Anzahl der täglichen Beter und wöchentlichen Bibelleserinnen und Gottesdienstbesucher. Wir gehören dazu, irgendwie, aber auch nicht mit vollem Ernst und Einsatz.

Sicherlich braucht man vollen Einsatz bei vielen Dingen nicht. Mein Lieblingshändler wird mir auch weiter Sachen verkaufen, selbst wenn ich manchmal im Internet bestelle und Vechta Rasta wird mir meinen Dauerplatz nicht kündigen, selbst wenn ich dann und wann fehle.

Bei anderen Sachen sieht das anders aus. Liebe mit halber Leidenschaft funktioniert genauso wenig, wie Glaube als reine Kirchenzugehörigkeit.

„Denn wer mit vollem Herzen glaubt, wird gerecht und wer mit dem Mund bekennt, wird selig“, schreibt Paulus in Römer 10.10.

Manche Dinge verlangen mehr als nur Zugehörigkeit; sie brauchen ganzen Einsatz; meistens sind es die besonders Schönen und Wichtigen.

Michael Braun, Kreispfarrer Oldenburger Münsterland

Intelligenzsprung

Michael Braun, Kreispfarrer

Wenn schon der Kindermund Wahrheit kund tut, wie viel mehr müssten wir dann auf unsere Jugendlichen hören. Sie sind sauer, wie wir mit unserer Erde umgehen. Bei den Fridays for Future Demonstrationen zeigen sie Einsatz und Zivilcourage, weil  wir uns alle einen Lebensstandard angewöhnt haben, der die natürlichen Ressourcen unserer Erde weit übersteigt. Wir leben auf Kosten unserer Kinder und Enkel und die beschweren sich zu Recht über unser egoistisches Verhalten.

Natürlich ist es nicht einfach, sich so etwas sagen zu lassen und die eigenen, lieb gewonnenen Gewohnheiten zu ändern. Aber manchmal ist genau das notwendig. Es braucht einen Intelligenzsprung in die Zukunft.

Dagegen gibt es viele Einwände. Das gefährdet Arbeitsplätze, Bequemlichkeit, Wohlstand und unseren ganzen Lebensstil. Mit steigendem Alter schwindet der Wille, irgendetwas im eigenen Leben zu ändern. Und doch haben wir immer wieder solche Veränderungen angepackt.

In den 60er und 70er Jahren war es noch üblich überall öffentlich zu rauchen und zu trinken, selbst bei Diskussionen im Fernsehen. Heute ist das undenkbar, was sicherlich der Lebenserwartung zu Gute kommt.

In der Mitte des letzten Jahrhunderts hielt man Radioaktivität für einen großen Segen und ein Heilmittel in der Medizin. Heute sind wir schlauer.

In den 1880ern wurde ungefiltert mit Kohle geheizt, bis Lungenerkrankungen und der Dreck in den Städten zu einem Umdenken führte.

Immer waren Veränderungen notwendig, immer gab es dagegen Bedenken und doch haben solche Veränderungen viel Energie freigesetzt und das Leben aller verbessert.

Darum sollten wir auch heute nicht auf Bedenken setzen, sondern anders mit unserer Umwelt leben lernen –  frei nach dem Motto: Kein Platz für dicke Autos, sondern für kommende Generationen.

Denn schließlich lesen wir schon ganz am Anfang der Bibel (1. Mose 1, 28ff), dass wir uns die Erde untertan machen und über sie herrschen sollen. Da steht eben nichts von Verbrauchen und Kaputtmachen. Wir sollen diejenigen sein, die Verantwortung für unsere Erde übernehmen.  Sie ist uns als Geschenk anvertraut. Und wie könnte man besser über etwas herrschen, als das man die Erde pflegt, sie umsorgt und schöner macht? Nur so kann es der Natur und uns gut gehen – gemeinsam.

Also fangen wir endlich an. Es ist höchste Zeit die Ärmel hochzukrempeln, aus dem gewohnten Trott zu kommen und etwas zu tun – für unsere Umwelt, in der wir alle leben.

 

Michael Braun, Kreispfarrer Oldenburger Münsterland

 

Sternstunden

Es war eine jener Sternstunden, in der alle aufmerksam aufeinander lauschten, in der offen von den eigenen Sorgen und Nöten erzählt werden konnte. Die Schülerinnen und Schüler sprachen über Mobbing – in der Schule, auf der Straße, im Verein, in den sozialen Netzwerken . . .

Auf die Frage, was jeder Einzelne von uns ganz konkret dagegen tun könne, sagte der Lehrer zu seiner Klasse: „Ein Beispiel will ich euch geben. Nehmt ein Blatt Papier. Zerknüllt es, aber reißt es nicht auseinander. Tretet darauf herum. Macht Knicke hinein. Drückt es auf den Schmutz des Fußbodens.“ Die Schülerschar handelte entsprechend. Danach bat der Lehrer: „Nun nehmt das Blatt, faltet es auseinander und streicht es glatt.“

„Seht euch das Blatt an“, forderte der Lehrer seine Zuhörer auf. „Seht, wie dreckig und verknittert das Blatt ist.“ Ja, das Blatt war ziemlich hinüber. „Und nun“, fuhr er fort: „Sagt dem Blatt, es tue Euch leid. Bittet um Entschuldigung.“ Die Schülerschar befolgte – mit Ernst – den Arbeitsauftrag. Jedoch blieb das Blatt zerknittert.

„Auch wenn es Euch wirklich leid tut, so hat Euer Verhalten doch seine Wirkungen. Das Stück Papier wird nie mehr glatt und sauber werden. Ähnliches passiert, wenn wir schlecht über andere reden oder böse handeln; es bleiben Narben zurück; manchmal verheilen sie; manchmal bleiben sie offen; manches können wir wieder gut machen; manch anderes leider nicht. Und selbst wenn Ihr um Entschuldigung bittet“, der Lehrer stockte. Die Schüler sahen, wie er an Szenen aus seinem eigenen Leben dachte. Alle waren gespannt, wie er den Satz fortsetzen würde.

Er begann von Neuem: „Und selbst wenn ihr um Entschuldigung bittet“, und er sprach jetzt mit Nachdruck und Leidenschaft: „dann bleiben zwar die Narben. Aber es kann Neues beginnen. Das Vergangene soll nicht die Zukunft bestimmen. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, beten wir im Vaterunser. Achten wir auf unser Reden und Handeln. Nicht alles, was erlaubt ist, tut anderen und uns gut.“ Es herrschte lange Stille in der Klasse, ehe die Schulklingel diese Sternstunde beendete, die eine Fortsetzung in unser aller Leben erhoffen lässt.

 

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und Lindern.