Eine Weihnachtslegende aus Bethlehem

Hiltrud Warntjen, Krankenhauspfarrerin in Vechta

Als die Hirten das Wort der Engel gehört hatten und zum Stall nach Bethlehem aufgebro­chen waren, da mischte sich auch ein armes Dorfkind unter sie, ein Mädchen ohne Jacke und Schuhe. Sie war hungrig und fror, und sie drängte sich mit der Keckheit der Armen mit den anderen in den Stall. Bethlehem heißt zu Deutsch: Haus des Brotes.

Und so hoffte das Mädchen, dass sie etwas zu essen bekommen möge. Im Stall war es warm, und es war eng. Der neugeborene König lag in der Krippe. Alle schauten und staunten. Plötzlich richtete das Kind in der Krippe seine Augen auf das Mädchen. Auf wundersame Weise hielt es plötzlich ein Stück Brot in der Hand und sagte mit freundlicher Stimme: „Nimm und iss!“

Erschrocken und erfreut nahm sie das Brot und schlich sich aus dem Stall. Draußen be­gann sie, gierig vom Brot zu essen. Es machte sie wunderbar satt. Sie spürte ein unbe­kanntes Glück, etwas was sie nie zuvor gespürt hatte. Und jetzt wusste sie: es gibt ein Brot, das glücklich macht.

Ich liebe diese Geschichte, weil ich spüre, dass wir uns alle auf diese oder jene Art ein Stück dieses wunderbaren Brotes der Weihnacht wünschen. Ein neugeborenes Kind bringt uns zusammen. Da ist auch die Faszination der Geburt, des ganz neuen Anfangs. Die Geburt eines Kindes ist ja ein neuer Hoffnungsschrei. Ja, ein Schrei. Denn eine Ge­burt ist nichts Idyllisches. Sie ist Schwerarbeit, ist Schwitzen, Schrein und Stöhnen, Wehen, die teuflisch weh tun. Blut, Angst und Tränen. Und der Tod lauert auch dabei.

Und – gleichzeitig ist eine Geburt ein heiliger Augenblick. So sagen viele, die eine Ge­burt erlebt haben: Mütter, Väter, Hebammen. Irgendwie ist Gott dabei. Leben beginnt! Hoffnung wird wach. Ein Kind darf ganz neu anfangen. Es ist so unschuldig wie am Be­ginn der Schöpfung. Ja, jede Geburt ist ein heiliger Augenblick. Das Wunder des Lebens selbst blickt uns an.

In der Heiligen Nacht wird Gottes Kind geboren – wie ein Menschenkind. Seine Geburt gibt uns unsere kindliche Unschuld zurück. Wer an seiner Krippe steht, kann anders ins Leben zurückgehen, ohne Resignation und Zynismus. „Werdet wie die Kinder“, sagt es später. So geht die Legende weiter:

Als das Mädchen vom Brot des Christkindes gegessen hatte, als ihm so wunderbar warm ums Herz war, kam ein Junge gelaufen. Da rief sie voller Überschwang: „Schau nur, das neue Kind hat mir Brot gegeben. Hier, nimm und iss du auch!“

Und als sie in ihre Tasche griff, um ihm vom Brot etwas zu geben, war ganz viel Brot in der Tasche. Es wurde gar nicht alle, wie viel sie auch davon weggab. Da lief sie durch Bethlehem, der Stadt, die Haus des Brotes heißt. Sie lief durch die Stadt, in der ein Kind geboren worden war, das ihr Brot gegeben hatte. Sie lief unter dem Stern der Weihnacht und begann, das Brot mit allen zu teilen.

„Nehmt und esst“, rief sie. Mit dem Brot kam die Freude. Alle begannen zu essen, zu trin­ken, zu tanzen. Alle wurden wurden froh, lebendig, großherzig. Freudig gaben die Men­schen weiter, was sie hatten, nicht nur Brot, auch Feigen, Datteln, Käse, Oliven. Wein wur­de getrunken. Wer Streit hatte, setzte sich dennoch mit dem Gegner an den Tisch und begann wieder, mit ihm zu reden. Es war ein großes Fest. Keine und keiner bekam nichts.“

Passt diese Geschichte zu uns? Ich hoffe es. Und wünsche es uns allen. Das Mädchen teilt nämlich mit uns das Brot der Weihnacht. Sie hat er-lebt: wer beschenkt wird, kann schenken. Nicht nur am Heiligen Abend, sondern sozusagen als Lebenskonzept. Alle Tage!

Gott schenkt uns dieses Kind. Es ist Brot für unzählige Menschen in 2000 Jahren gewor­den, Menschen, die an Leib und Seele hungerten und – satt wurden. Das Weihnachtsbrot weiter schenken. Es so machen wie das Mädchen aus der Geschichte. Nehmen wir es mit in unser Leben, das wunderbare, glücklich machende Brot der Weih­nacht.

Gesegnete Weihnachten!

Ev. Schulpfarrer in Cloppenburg. Administrator dieser Website, die im Auftrag des Kirchenkreises erstellt wurde.