Geistlicher Impuls

Michael Braun, Kreispfarrer

Mist

Das Ausmisten eines Stalles gehört sicherlich nicht zu den angenehmsten Aufgaben in der Landwirtschaft oder beim Reitsport. Und so ist es allemal angenehmer über den Mist in anderen Ställen zu reden, als den eigenen wegzumachen.

Gerade wurde der Brexit um ein halbes Jahr verschoben und viele schütteln den Kopf über das Theater im britischen Unterhaus. Ein paar Jahre vorher war es noch die Finanzkriese in Griechenland, über die man sich aufregen konnte. Dazwischen sorgt der amerikanische Präsident für Schlagzeilen. Aber vergisst man über all diesen wunderbaren Problemen anderswo nicht nur bequem, sich mit den eigenen Herausforderungen zu beschäftigen? Denn das wäre unangenehm.  Wenn wir uns intensiv mit unseren eigenen Themen wie z. B.  Umwelt, Arbeitskräftemangel, Integration, soziale Gerechtigkeit und bezahlbaren Wohnraum beschäftigen wollten, dann  könnte das Folgen haben. Das könnte unsere eigene Bequemlichkeit stören.

Dieses Phänomen ist nicht unbekannt. Es macht viel mehr Spaß über die Fehler der Nachbar zu tratschen, als zu überlegen, was man selber besser machen sollte. Es scheint vielen jeden Tag Freude zu machen, das Verhalten anderer am Küchentisch oder im Internet zu kommentieren, solange man dazu bequem im eigenen Sessel sitzenbleiben kann und nichts tun muss.

Doch das hilft auch nichts und so richtet Jesus unseren Blick weg von den Fehlern der anderen und lässt uns auf unseren eigenen Mist schauen. „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?“ kann man bei Lukas im sechsten Kapitel unter der Überschrift „ Vom Umgang mit dem Nächsten“ nachlesen.

Ich wünsche den Britten, dass sie in ihrer vertrackten Lage einen guten Ausweg finden.  Doch dafür kann ich wenig tun. Aber ich kann was dafür tun, dass ich weniger Plastikmüll kaufe und so die Umwelt schone. Ich kann mich mit Offenheit und Freundlichkeit für mehr Integration einsetzen. Ich kann aufhören, über die Probleme von anderen zu quatschen und mit der so gewonnenen Zeit etwas gegen meine eigenen Probleme tun – getreu dem Leitsatz aus Lukas 6, 36: „ Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“.  So störe ich andere nicht mit ihrem Mist fertig zu werden und schaffe es vielleicht, meinen eigenen Mist weniger werden zu lassen.

Das ist anstrengend, kann aber ganz im Kleinen und vor Ort helfen, die Welt ein Stückchen besser zu machen, weil ich dort anfange, wo ich was tun kann – bei mir selbst.

 

Michael Braun, Kreispfarrer Oldenburger Münsterland