Geistlicher Impuls

Zugehörigkeit

Michael Braun, Kreispfarrer

Nie sind wir Menschen allein, im Gegenteil, mit oder ohne Absicht sind wir Teil einer Vielzahl von Gruppen. Wir sind Mitglieder in Vereinen und Musikgruppen, BewohnerIn eines bestimmten Ortes, wählen eine Partei, engagieren uns sozial oder gesellschaftlich, sind für oder gegen bestimmte Fernsehsendungen, unterstützen einen Förderverein oder Brot für die Welt und nutzen die Angebote bestimmter Banken, Geschäfte, Lokale oder Internetportale. Wir gehören dazu – viel häufiger als wir glauben.

Natürlich zeigen wir unsere Zugehörigkeit nicht offen. Das ist heutzutage verpönt. Nur die wenigsten Menschen hängen die Fahne ihres Fußballvereins vor die Tür; kaum jemand erzählt, welche Partei sie wählt oder das er statt vor Ort  im Internet einkauft. Man möchte sich nicht so gerne in eine bestimmte Schublade stecken lassen oder als unaufrichtig gelten, wenn unser Verhalten nicht immer zu den Gruppen passt, zu denen wir gehören wollen.

So kommt es vor,  dass fast jeder für die Umwelt ist, aber dennoch viele den Motor laufen lassen, wenn sie bei Kälte vor dem Geschäft auf den Partner warten. Wir sind für Gesundheit, aber rauchen weiter und essen zu viel.  Wir sind gegen Krieg und Gewalt in der Welt, aber nur begrenzt bereit von unserem Wohlstand abzugeben, um woanders wirkungsvoll zu helfen.

 Wir gehören bei vielem dazu, aber sind längst nicht immer mit vollem Herzen dabei.

Das findet sich auch bei Kirche. Die Anzahl der Gemeindeglieder unterscheidet sich deutlich von der Anzahl der täglichen Beter und wöchentlichen Bibelleserinnen und Gottesdienstbesucher. Wir gehören dazu, irgendwie, aber auch nicht mit vollem Ernst und Einsatz.

Sicherlich braucht man vollen Einsatz bei vielen Dingen nicht. Mein Lieblingshändler wird mir auch weiter Sachen verkaufen, selbst wenn ich manchmal im Internet bestelle und Vechta Rasta wird mir meinen Dauerplatz nicht kündigen, selbst wenn ich dann und wann fehle.

Bei anderen Sachen sieht das anders aus. Liebe mit halber Leidenschaft funktioniert genauso wenig, wie Glaube als reine Kirchenzugehörigkeit.

„Denn wer mit vollem Herzen glaubt, wird gerecht und wer mit dem Mund bekennt, wird selig“, schreibt Paulus in Römer 10.10.

Manche Dinge verlangen mehr als nur Zugehörigkeit; sie brauchen ganzen Einsatz; meistens sind es die besonders Schönen und Wichtigen.

Michael Braun, Kreispfarrer Oldenburger Münsterland

 

 

Intelligenzsprung

Michael Braun, Kreispfarrer

Wenn schon der Kindermund Wahrheit kund tut, wie viel mehr müssten wir dann auf unsere Jugendlichen hören. Sie sind sauer, wie wir mit unserer Erde umgehen. Bei den Fridays for Future Demonstrationen zeigen sie Einsatz und Zivilcourage, weil  wir uns alle einen Lebensstandard angewöhnt haben, der die natürlichen Ressourcen unserer Erde weit übersteigt. Wir leben auf Kosten unserer Kinder und Enkel und die beschweren sich zu Recht über unser egoistisches Verhalten.

Natürlich ist es nicht einfach, sich so etwas sagen zu lassen und die eigenen, lieb gewonnenen Gewohnheiten zu ändern. Aber manchmal ist genau das notwendig. Es braucht einen Intelligenzsprung in die Zukunft.

Dagegen gibt es viele Einwände. Das gefährdet Arbeitsplätze, Bequemlichkeit, Wohlstand und unseren ganzen Lebensstil. Mit steigendem Alter schwindet der Wille, irgendetwas im eigenen Leben zu ändern. Und doch haben wir immer wieder solche Veränderungen angepackt.

In den 60er und 70er Jahren war es noch üblich überall öffentlich zu rauchen und zu trinken, selbst bei Diskussionen im Fernsehen. Heute ist das undenkbar, was sicherlich der Lebenserwartung zu Gute kommt.

In der Mitte des letzten Jahrhunderts hielt man Radioaktivität für einen großen Segen und ein Heilmittel in der Medizin. Heute sind wir schlauer.

In den 1880ern wurde ungefiltert mit Kohle geheizt, bis Lungenerkrankungen und der Dreck in den Städten zu einem Umdenken führte.

Immer waren Veränderungen notwendig, immer gab es dagegen Bedenken und doch haben solche Veränderungen viel Energie freigesetzt und das Leben aller verbessert.

Darum sollten wir auch heute nicht auf Bedenken setzen, sondern anders mit unserer Umwelt leben lernen –  frei nach dem Motto: Kein Platz für dicke Autos, sondern für kommende Generationen.

Denn schließlich lesen wir schon ganz am Anfang der Bibel (1. Mose 1, 28ff), dass wir uns die Erde untertan machen und über sie herrschen sollen. Da steht eben nichts von Verbrauchen und Kaputtmachen. Wir sollen diejenigen sein, die Verantwortung für unsere Erde übernehmen.  Sie ist uns als Geschenk anvertraut. Und wie könnte man besser über etwas herrschen, als das man die Erde pflegt, sie umsorgt und schöner macht? Nur so kann es der Natur und uns gut gehen – gemeinsam.

Also fangen wir endlich an. Es ist höchste Zeit die Ärmel hochzukrempeln, aus dem gewohnten Trott zu kommen und etwas zu tun – für unsere Umwelt, in der wir alle leben.

 

Michael Braun, Kreispfarrer Oldenburger Münsterland

 

Sternstunden

Es war eine jener Sternstunden, in der alle aufmerksam aufeinander lauschten, in der offen von den eigenen Sorgen und Nöten erzählt werden konnte. Die Schülerinnen und Schüler sprachen über Mobbing – in der Schule, auf der Straße, im Verein, in den sozialen Netzwerken . . .

Auf die Frage, was jeder Einzelne von uns ganz konkret dagegen tun könne, sagte der Lehrer zu seiner Klasse: „Ein Beispiel will ich euch geben. Nehmt ein Blatt Papier. Zerknüllt es, aber reißt es nicht auseinander. Tretet darauf herum. Macht Knicke hinein. Drückt es auf den Schmutz des Fußbodens.“ Die Schülerschar handelte entsprechend. Danach bat der Lehrer: „Nun nehmt das Blatt, faltet es auseinander und streicht es glatt.“

„Seht euch das Blatt an“, forderte der Lehrer seine Zuhörer auf. „Seht, wie dreckig und verknittert das Blatt ist.“ Ja, das Blatt war ziemlich hinüber. „Und nun“, fuhr er fort: „Sagt dem Blatt, es tue Euch leid. Bittet um Entschuldigung.“ Die Schülerschar befolgte – mit Ernst – den Arbeitsauftrag. Jedoch blieb das Blatt zerknittert.

„Auch wenn es Euch wirklich leid tut, so hat Euer Verhalten doch seine Wirkungen. Das Stück Papier wird nie mehr glatt und sauber werden. Ähnliches passiert, wenn wir schlecht über andere reden oder böse handeln; es bleiben Narben zurück; manchmal verheilen sie; manchmal bleiben sie offen; manches können wir wieder gut machen; manch anderes leider nicht. Und selbst wenn Ihr um Entschuldigung bittet“, der Lehrer stockte. Die Schüler sahen, wie er an Szenen aus seinem eigenen Leben dachte. Alle waren gespannt, wie er den Satz fortsetzen würde.

Er begann von Neuem: „Und selbst wenn ihr um Entschuldigung bittet“, und er sprach jetzt mit Nachdruck und Leidenschaft: „dann bleiben zwar die Narben. Aber es kann Neues beginnen. Das Vergangene soll nicht die Zukunft bestimmen. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, beten wir im Vaterunser. Achten wir auf unser Reden und Handeln. Nicht alles, was erlaubt ist, tut anderen und uns gut.“ Es herrschte lange Stille in der Klasse, ehe die Schulklingel diese Sternstunde beendete, die eine Fortsetzung in unser aller Leben erhoffen lässt.

 

Jürgen Schwartz ist evangelischer Pastor in Lastrup und Lindern.